Am 20. Juli 1969 brachte die Apollo-11-Mission die ersten Menschen zum Mond. © NASA

50 Jahre nach der ersten Mondlandung: Interview mit Ex-Astronaut Thomas Reiter 

warum es an der Zeit ist, die Menschheit erneut zum Mond zu bringen.

Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzt, ist Thomas Reiter 11 Jahre alt und verfolgt das Ereignis gebannt am Fernsehbildschirm. Gut 26 Jahre später, am 3. September 1995, fliegt er zur russischen Raumstation Mir. Teil des Einsatzes ist ein Weltraumausstieg – der erste, der von einem deutschen Astronauten unternommen wurde. 2006 folgt ein Aufenthalt auf der ISS. Insgesamt hat Reiter gut 350 Tage im Weltraum verbracht und ist damit nach Alexander Gerst der Europäer mit der zweitlängsten Aufenthaltsdauer im All. Nach seiner aktiven Laufbahn als Astronaut wechselte Reiter 2007 in den Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo er für das Ressort Raumfahrtforschung und –entwicklung zuständig war. Anschließend war er von 2011 bis 2015 Leiter des ESA-Direktorats für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb. Heute ist Thomas Reiter Berater des ESA-Generaldirektors Jan Wörner und Koordinator für internationale Raumfahrtagenturen.

Springen Sie bitte mal gedanklich zum 20. Juli 1969. Wissen Sie noch, wo Sie waren und wie Sie die Mondlandung gesehen haben?

Thomas Reiter: Aber natürlich. Ich war damals elf Jahre alt. Das war ein Ereignis, das man nicht vergisst. Es war frühmorgens, mein Vater hatte mich geweckt. Wir waren bei Nachbarn eingeladen, die hatten schon einen Farbfernseher! Die Übertragung war natürlich schwarz-weiß, aber die Dokumentationen davor wurden in Farbe gezeigt, daran erinnere ich mich noch genau. Wir saßen dann alle zusammen vor dem Fernseher und haben die ersten Schritte von Neil Armstrong verfolgt. Wobei man sagen muss, dass nicht wirklich viel zu erkennen war. Dennoch: Es war ein unglaublicher Moment!

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Was ist Ihnen denn damals durch den Kopf gegangen? Wissen Sie das noch?

Reiter: Ja, das weiß ich noch genau: Ich habe mich gefragt, wie mag sich jemand fühlen, der mit den eigenen Füßen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers steht. Und diese Begeisterung dafür hat sich niemals verflüchtigt. Diese Vorstellung löst bei mir heute noch dieselbe Begeisterung aus wie damals.

Als Mensch auf dem Mond zu landen, ist einfach eine ganz andere Herausforderung. Die Menschheit hat damals den Atem angehalten.

Das ist interessant, denn mit Alexander Gerst sind Sie der Deutsche mit der längsten Aufenthaltsdauer im All. Dennoch scheint es ja doch noch etwas anderes zu sein, auf einem Himmelskörper zu landen...

Reiter: ... definitiv!

Warum?

Reiter: Aus einer Höhe von 400 Kilometern kann man zwar die Krümmung der Erde sehen, man sieht den Planeten aber nicht als Ganzes im Weltraum. Das ist einer der Unterschiede. Man weiß auch, dass man im Notfall innerhalb von dreieinhalb Stunden von der ISS aus wieder auf der Erde sein kann. Und schließlich ist es rein technisch noch mal eine andere Herausforderung auf einem Himmelskörper zu landen. Apollo 11 ist ja bekanntlich mit dem letzten Tropfen Treibstoff noch über einen Krater gehüpft und dann gelandet.

Der Flug mit der ISS war Ihnen also nicht spannend genug.

Reiter: (lacht) Ich bin zutiefst dankbar, dass ich das machen durfte. Aber als Mensch auf dem Mond zu landen, ist einfach eine ganz andere Herausforderung. Die Menschheit hat damals den Atem angehalten. Dass die gesamte Erde einmütig bei einem Projekt derart mitgefiebert hat, hat es in der Form glaube ich nicht mehr gegeben.

Die letzten Menschen sind 1972 auf dem Mond gelandet, seither war niemand mehr dort. Was hat sich durch den Blick vom Mond auf die Erde für die Menschheit geändert?

Reiter: Das Bild, das auch schon bei Apollo 8 an Weihnachten 1968 von der aufgehenden Erde zur Erde gefunkt wurde, hat das Bewusstsein der Menschen von der Erde massiv geprägt. Es zeigt, dass die Erde nur ein kleiner, verletzlicher Punkt in dieser unendlichen Schwärze des Weltraums ist. Das Gefühl hat man auch ein bisschen, wenn man die Erde von der Raumstation aus sieht, aber eben nur ein bisschen. Dieser Eindruck wird sicher um ein Vielfaches verstärkt, wenn man weiter weg ist. Das Bewusstsein für unsere Umwelt, für alles das, was unseren Planeten ausmacht, wurde dadurch komplett verändert.

Der Blick von außen auf die Erde schafft erst das Bewusstsein, dass wir die Probleme auf der Welt nur gemeinsam lösen können, niemals aber, wenn alle nur auf ihre eigenen Interessen schauen. Das ist eine ganz zentrale Erkenntnis von Reisen ins All. Bilder von Sonden allein sind nicht imstande, diesen Bewusstseinswandel zu erzeugen

Heute ist die Sensibilität für die Verletzlichkeit des Planeten durch den Klimawandel, die Umweltzerstörung und weitere Probleme viel größer als vor 50 Jahren. Wäre es nicht schon aus diesem Grund wichtig, möglichst vielen Menschen diese Erweiterung ihres Bewusstseins zu ermöglichen?

Reiter: Da haben Sie völlig Recht. Ich denke auch, dass alle meine Astronautenkolleginnen und -kollegen dieser Meinung sind. Auch Alexander Gerst hat das bei verschiedenen Gelegenheiten bestätigt. Der Blick von außen auf die Erde schafft erst das Bewusstsein, dass wir die Probleme auf der Welt nur gemeinsam lösen können, niemals aber, wenn alle nur auf ihre eigenen Interessen schauen. Das ist eine ganz zentrale Erkenntnis von Reisen ins All. Und mehr noch: Nur wenn Menschen das emotional für sich erkennen, hat es diese Wirkung. Bilder von Sonden allein sind nicht imstande, diesen Bewusstseinswandel zu erzeugen.

 

All das klingt so, als hielten sie es an der Zeit, wieder Menschen zum Mond zu schicken?

Reiter: Ja, ich halte das für sehr sinnvoll ...

... wahrscheinlich aber auch, weil es auf dem Mond noch so einiges zu entdecken gibt?

Reiter: Natürlich. Um diese Frage richtig zu beantworten, lassen Sie uns noch mal kurz einen Schritt zurück machen: Was waren denn die Erwartungen Anfang der 70er Jahre? Man dachte, das geht jetzt so weiter. Die Menschen waren für jeweils wenige Tage auf dem Mond, und nun könnte man mit dem Aufbau einer Station beginnen. Das hat aber nicht funktioniert. Warum? Weil es damals eigentlich im Rahmen des Kalten Kriegs hauptsächlich um die Demonstration der Technologieführerschaft und der Fähigkeiten in der Raumfahrt ging.

Aber heute ist das doch anders ...

Reiter: ... selbstverständlich. Eine Mondmission ist aus wissenschaftlicher Sicht hoch interessant. Der Mond würde den Planetenforschern sehr viel über die Entstehung des Sonnensystems, aber vor allem über unsere Erde verraten. Die einhellige Meinung der Forscher ist heute, dass der Mond aus einem gigantischen Einschlag eines Meteoriten auf der Urerde vor viereinhalb Milliarden Jahren entstanden ist. Der Zustand, der damals auf der Erde geherrscht hat, ist sozusagen auf dem Mond eingefroren worden. Deshalb ist da viel zu lernen und zu erfahren. Das ist die wissenschaftliche Seite.

Welche gibt es noch?

Reiter: Eine wirtschaftliche. Denn es gibt Hinweise, dass auf dem Mond nennenswerte Ressourcen schlummern. Wasservorkommen in den Polregionen. Wasser ist eine wichtige Ressource für einen längeren Aufenthalt auf dem Mond. Man kann es trinken, in Wasserstoff und damit Energie umwandeln, man kann es elektrolysieren und Sauerstoff zum Atmen erzeugen. Das ist wichtig, denn all das muss dann nicht von der Erde herbeigeschafft werden. Zudem gibt es auch Hinweise auf Rohstoffe wie Seltene Erden; ob es sich allerdings lohnt, diese abzubauen, muss sich erst zeigen.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass auch ein Europäer mal auf dem Mond stehen wird. Das wäre mein Wunsch und ich glaube, dass das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts möglich ist.

Die Chinesen haben kürzlich Aufsehen erregt, weil sie eine Sonde auf der sogenannten dunklen Seite des Mondes gelandet haben. Wieso war das so bedeutsam?

Reiter: Die erdabgewandte Seite ist ein hervorragender Beobachtungspunkt – für die Radioastronomie und für die optische Astronomie. Vor allem ist es wichtig für das Thema Planetary Defence.

Was heißt das?

Reiter: Es geht darum, frühzeitig zu erkennen, ob sich ein Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde befindet, um ihn dann noch ablenken zu können. Das ist für die Sicherheit des Planeten wichtig. Schließlich ist der Mond auch ein wunderbares Sprungbrett für weitere Reisen ins All, denn auf dem Mond herrscht nur ein Sechstel der Gravitation der Erde.

Sie haben drei gute Gründe genannt, wieder zum Mond zurückzukehren. Welcher von denen ist denn nun der wichtigste?

Reiter: Nicht alle drei können gleich schnell erfüllt werden. Mit den heutigen Möglichkeiten des Transports ist es schwer vorstellbar, Ressourcen vom Mond zur Erde zu bringen. Wahrscheinlicher ist es, die Ressourcen vor Ort zu nutzen. Nehmen Sie als Beispiel Wasser: Würde man auf dem Mond welches finden und könnte es zur Selbstversorgung nutzen, dann könnte der Mensch länger auf der Oberfläche bleiben. Wir sollten deshalb zuerst zu den Polregionen fliegen, um diese Vorort-Anwendungen durchzuführen. Bis wir aber Wasser zur Selbstversorgung erzeugen können, sind noch einige technologische Schritte erforderlich. Diesen Nachweis müssen wir aber unbedingt zuerst schaffen, bevor wir uns damit beschäftigen, Menschen in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts auf die Mondoberfläche zu bringen.

Wenn Sie sagen, Menschen in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts: Reden Sie dann von Europäern?

Reiter: Das wird mit der Rolle zusammenhängen, die wir bereit sind, bei diesen Aktivitäten einzunehmen. Mit dem Servicemodul für Orion und mögliche Elemente für die Lunar Orbital Platform haben wir zumindest die Möglichkeit, uns einen Sitzplatz zu ergattern; er ist die Voraussetzung dafür, dass künftig eine Astronautin oder ein Astronaut aus Europa auf dem Mond gelangen kann. Diese Lunar Orbital Platform dient dazu, Menschen von dort auf die Oberfläche abzusetzen. Das zeigt, dass das Projekt Mond heute langfristiger und nachhaltiger angelegt ist als Anfang der 70er Jahre. Wenn wir uns hierbei einbringen können, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass auch ein Europäer mal auf dem Mond stehen wird. Das wäre mein Wunsch und ich glaube, dass das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts möglich ist.

Lassen Sie uns noch einen Schritt weiter gehen: Wie realistisch und vor allem sinnvoll ist es, zum Mars zu kommen?

Reiter: Aus heutiger Sicht, wäre es technisch noch nicht möglich. Da müssen wir erst noch einige technologische Voraussetzungen schaffen.

Was fehlt noch?

Reiter: Der Schutz vor der Strahlung etwa. Es gibt kein schützendes Magnetfeld auf dem Weg dorthin. Dann die Versorgung. Mit den heute verfügbaren Antriebssystemen würde die Reise zwei Jahre dauern, man müsste allen Proviant mitnehmen. Bevor man also tatsächlich in ein solches Szenario einsteigt, muss man es in geringerer Entfernung erproben. Deshalb ist es logisch, sich nicht auf ein solches Abenteuer zu begeben, sondern die Technologien erstmal weiterentwickeln. Vom Mond aus kann man dann den Sprung wagen.

Elon Musk will aber laut eigener Aussage 2025 ganz auf den Mars übersiedeln...

Reiter: ... schön für Elon Musk, wenn er mit einer solchen Vision Werbung für sich macht. Aber ob allein die Kompetenz, eine zugegeben großartige Trägerrakete zu bauen, schon ausreicht, um zum Mars und wieder zurück zu kommen, wage ich zu bezweifeln. Wir sind einfach noch nicht soweit, um das bis 2025 zu ermöglichen. Visionäre sind wichtig, um uns weiter anzutreiben, aber es muss eben auch technisch machbar sein. Da wird halt auch nur mit Wasser gekocht. Die physikalischen Gesetze lassen sich nun mal nicht verbiegen.

Ein Visionär ganz anderer Art war OHB-Gründer Manfred Fuchs. Er hatte schon vor vielen Jahren für eine deutsche Mondmission geworben. Wir bewerten Sie die Mondaktivitäten von OHB im Rückblick?

Reiter: In der Zeit, als ich beim DLR für Raumfahrtforschung und Entwicklung zuständig war, da hatten wir versucht, eine nationale Mondmission durchzuführen. Diese Mission ist nicht zuletzt von den Vorstellungen angetrieben worden, die Manfred Fuchs entwickelt hat. Wichtig war ja, dass eine solche Mission nicht nur von Forschungsinstitutionen und Agenturen befürwortet, sondern auch von der Industrie aktiv begleitet wird. Und das war bei OHB und Manfred Fuchs der Fall. Diese Mission hätte um Haaresbreite geklappt.

Den Mond können wir jeden Abend sehen, er ist Gegenstand von Legenden und tollen Geschichten. Vor allem aber ist er erreichbar. Ich habe gar keine Zweifel, dass Menschen dort wieder sein werden.

Wann war das?

Reiter: Das war 2008, 2009. Aber leider hat es aus verschiedenen Gründen dann doch nicht geklappt. Das Projekt wurde dann europäisiert. In der Ministerratskonferenz 2012 war der Lunar Lander dann auf dem Tisch, er scheiterte letztlich am Geld. Ich habe das sehr bedauert.

Nochmal zurück zu Ihnen: Stellen Sie sich vor, Sie stünden am Anfang Ihrer Karriere, dürften also noch einmal anfangen. Wäre der mögliche Schritt auf den Mond das, was Sie antreiben würde?

Reiter: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass das damit zusammenhängt, dass wir Menschen genetisch so veranlagt sind, dass wir immer das Unbekannte erkunden wollen. Diese Veranlagung ist bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger stark ausgeprägt. Aber die grundsätzliche Neigung, Neues zu entdecken, hat die Menschheit seit jeher vorangebracht. Wir wollen Grenzen verschieben. Und den Mond können wir jeden Abend sehen, er ist Gegenstand von Legenden und tollen Geschichten. Vor allem aber ist er erreichbar. Ich habe gar keine Zweifel, dass Menschen dort wieder sein werden. Und um auf Ihr Gedankenspiel zurückzukommen: Natürlich würde ich es anstreben, auf die Mondoberfläche zu kommen. Dorthin zu kommen, wo uns nicht die Evolution hingebracht hat, sondern eben die Technologie und unser Intellekt – das finde ich faszinierend. Da bekomme ich auch heute noch Gänsehaut, wenn ich mir das vorstelle, so wie damals als Elfjähriger, als ich vor dem TV-Schirm unserer Nachbarn saß und Neil Armstrong auf dem Mond gesehen habe.

 

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