50 Jahre nach der ersten Mondlandung: Interview mit Ex-Astronaut Thomas Reiter 

warum es an der Zeit ist, die Menschheit erneut zum Mond zu bringen.

OHB Redaktionsteam
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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

Als Neil Armstrong am 20. Juli 1969 als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond setzt, ist Thomas Reiter 11 Jahre alt und verfolgt das Ereignis gebannt am Fernsehbildschirm. Gut 26 Jahre später, am 3. September 1995, fliegt er zur russischen Raumstation Mir. Teil des Einsatzes ist ein Weltraumausstieg – der erste, der von einem deutschen Astronauten unternommen wurde. 2006 folgt ein Aufenthalt auf der ISS. Insgesamt hat Reiter gut 350 Tage im Weltraum verbracht und ist damit nach Alexander Gerst der Europäer mit der zweitlängsten Aufenthaltsdauer im All. Nach seiner aktiven Laufbahn als Astronaut wechselte Reiter 2007 in den Vorstand des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), wo er für das Ressort Raumfahrtforschung und –entwicklung zuständig war. Anschließend war er von 2011 bis 2015 Leiter des ESA-Direktorats für bemannte Raumfahrt und Missionsbetrieb. Heute ist Thomas Reiter Berater des ESA-Generaldirektors Jan Wörner und Koordinator für internationale Raumfahrtagenturen.

Springen Sie bitte mal gedanklich zum 20. Juli 1969. Wissen Sie noch, wo Sie waren und wie Sie die Mondlandung gesehen haben?

Thomas Reiter: Aber natürlich. Ich war damals elf Jahre alt. Das war ein Ereignis, das man nicht vergisst. Es war frühmorgens, mein Vater hatte mich geweckt. Wir waren bei Nachbarn eingeladen, die hatten schon einen Farbfernseher! Die Übertragung war natürlich schwarz-weiß, aber die Dokumentationen davor wurden in Farbe gezeigt, daran erinnere ich mich noch genau. Wir saßen dann alle zusammen vor dem Fernseher und haben die ersten Schritte von Neil Armstrong verfolgt. Wobei man sagen muss, dass nicht wirklich viel zu erkennen war. Dennoch: Es war ein unglaublicher Moment!

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Was ist Ihnen denn damals durch den Kopf gegangen? Wissen Sie das noch?

Reiter: Ja, das weiß ich noch genau: Ich habe mich gefragt, wie mag sich jemand fühlen, der mit den eigenen Füßen auf der Oberfläche eines anderen Himmelskörpers steht. Und diese Begeisterung dafür hat sich niemals verflüchtigt. Diese Vorstellung löst bei mir heute noch dieselbe Begeisterung aus wie damals.

Als Mensch auf dem Mond zu landen, ist einfach eine ganz andere Herausforderung. Die Menschheit hat damals den Atem angehalten.

Was ist der Mond?

Der Mond ist der treue Begleiter der Erde. Er umkreist die Erde in einem mittleren Abstand von 384.400 km und ist mit einem Durchmesser von 3476 km ungefähr ein Viertel so groß. Entstanden ist der Mond vor etwa 4,5 Milliarden Jahren, als die Protoerde mit einem anderen Himmelskörper kollidierte. Durch den Aufprall wurde Materie aus der Erdkruste und dem Mantel des einschlagenden Körpers in eine Erdumlaufbahn geschleudert, wo sie sich zusammenballte und schließlich den Mond formte. Die Energie des Aufschlags führte zudem dazu, dass der einschlagende Körper mit der Protoerde zur Erde verschmolz.

Warum haben Planeten Monde?

Die Erde ist nicht der einzige Planet, der einen Begleiter aufweist. Bis auf Merkur und Venus werden alle Planeten in unserem Sonnensystem von Monden umkreist. Die Anzahl der Monde ist dabei sehr unterschiedlich: Während der Mars lediglich zwei Monde besitzt, haben Saturn und Jupiter mehrere Dutzend. Aber wie kommen Planeten überhaupt zu Monden? Die für den Mond der Erde beschriebene Entstehungsgeschichte durch den Zusammenprall zweier großer Himmelskörper ist nicht der Regelfall. Dafür spricht auch der geringe Größenunterschied zwischen Mond und Planet. Die Monde der anderen Planeten sind im Verhältnis deutlich kleiner und sind entweder durch die Schwerkraft des Planeten eingefangene Asteroiden oder vor Milliarden von Jahren gemeinsam mit ihrem Planeten durch die Zusammenballung von Materie entstanden. Dadurch erklärt sich auch die hohe Anzahl der Monde von Saturn und Jupiter: Saturn und Jupiter sind die größten Planeten in unserem Sonnensystem, der Saturn ist zehnmal und der Jupiter elfmal so groß wie die Erde.

Gibt es Leben auf dem Mond?

Der Mond ist ein eher unwirtlicher Himmelskörper. Anders als die Erde besitzt er keine Atmosphäre und die Oberflächentemperatur unterliegt aufgrund der langsamen Rotation -der Mond dreht sich pro Umlauf um die Erde nur ein einziges Mal- hohen Schwankungen. So beträgt die Temperatur mit der Sonne im Zenit ungefähr 130 °C und fällt in der Nacht auf -160 °C. Aufgrund der fehlenden Atmosphäre schlagen auf dem Mond zudem immer wieder Meteroiden ein, die die Oberfläche mit Kratern überziehen. Auch das oberflächliche und weitgehend pulverisierte Gesteinsmaterial, das Regolith, das den Mond bedeckt, wurde anders als irdischer Sand nicht von Wind und Wasser geformt, sonders ist durch die ständigen Einschläge anderer Himmelskörper entstanden. Aus diesem Grund ist der Mondstaub nicht rund geschliffen, sondern scharfkantig und besteht zu großen Teilen aus elektrostatisch aufgeladenen Partikeln mit einem Durchmesser im Nanometerbereich. Die fehlende Atmosphäre führt zudem dazu, dass jegliches Wasser, das von der Sonne beschienen wird, unweigerlich in den Weltraum entweicht. Lediglich in dauerhaft beschatteten Gebieten, zum Beispiel in einigen Kratern in der Nord- oder Südpolregion, kann sich Wasser in Form von Eis halten. Im Regolith konnten bisher lediglich winzigste Spuren von Wasser nachgewiesen werden. Alles in allem ist der Mond somit ein lebensfeindlicher Körper. Durch wissenschaftliche Forschung ist es bei OHB allerdings bereits 2010 gelungen, eine kontrollierte Umgebung zu schaffen, in der höhere Pflanzen auf Mondgestein wachsen können. Seitdem wird die Technik weiterentwickelt und stellt in Hinblick auf die Versorgung einer zukünftigen Mondbasis einen entscheidenden Schritt dar.

Warum leuchtet der Mond?

Der Mond selbst leuchtet nicht. Und da die Mondoberfläche flächendeckend von dunkelgrauem Gesteinsstaub bedeckt wird, ist seine mittlere planetarische Albedo, also sein mittleres Rückstrahlvermögen, mit 0,12 auch nicht besonders hoch. Zum Vergleich: Die mittlere planetarische Albedo der Erde beträgt 0,31 und der von Eis bedeckte Saturnmond Enceladus erreicht sogar einen Wert von 0,99. Errechnet wird die Albedo aus dem Verhältnis von rückgestrahltem zu einfallendem Licht. Eine Albedo von 0,12 entspricht also lediglich 12 % Rückstrahlung. Dass uns der Mond am Nachthimmel im Vergleich zu den Sternen trotzdem blendend hell erscheint, liegt unter anderem an seiner scheinbaren Größe durch die Nähe zur Erde. Zudem passt das menschliche Auge sich durch weitere Öffnung der Pupille an die geringeren Lichtverhältnisse in der Nacht an, weshalb der Mond vor dem dunklen Nachthimmel deutlich heller wirkt als er tatsächlich ist.

Das ist interessant, denn mit Alexander Gerst sind Sie der Deutsche mit der längsten Aufenthaltsdauer im All. Dennoch scheint es ja doch noch etwas anderes zu sein, auf einem Himmelskörper zu landen...

Reiter: ... definitiv!

Warum?

Reiter: Aus einer Höhe von 400 Kilometern kann man zwar die Krümmung der Erde sehen, man sieht den Planeten aber nicht als Ganzes im Weltraum. Das ist einer der Unterschiede. Man weiß auch, dass man im Notfall innerhalb von dreieinhalb Stunden von der ISS aus wieder auf der Erde sein kann. Und schließlich ist es rein technisch noch mal eine andere Herausforderung auf einem Himmelskörper zu landen. Apollo 11 ist ja bekanntlich mit dem letzten Tropfen Treibstoff noch über einen Krater gehüpft und dann gelandet.

Der Flug mit der ISS war Ihnen also nicht spannend genug.

Reiter: (lacht) Ich bin zutiefst dankbar, dass ich das machen durfte. Aber als Mensch auf dem Mond zu landen, ist einfach eine ganz andere Herausforderung. Die Menschheit hat damals den Atem angehalten. Dass die gesamte Erde einmütig bei einem Projekt derart mitgefiebert hat, hat es in der Form glaube ich nicht mehr gegeben.

Die letzten Menschen sind 1972 auf dem Mond gelandet, seither war niemand mehr dort. Was hat sich durch den Blick vom Mond auf die Erde für die Menschheit geändert?

Reiter: Das Bild, das auch schon bei Apollo 8 an Weihnachten 1968 von der aufgehenden Erde zur Erde gefunkt wurde, hat das Bewusstsein der Menschen von der Erde massiv geprägt. Es zeigt, dass die Erde nur ein kleiner, verletzlicher Punkt in dieser unendlichen Schwärze des Weltraums ist. Das Gefühl hat man auch ein bisschen, wenn man die Erde von der Raumstation aus sieht, aber eben nur ein bisschen. Dieser Eindruck wird sicher um ein Vielfaches verstärkt, wenn man weiter weg ist. Das Bewusstsein für unsere Umwelt, für alles das, was unseren Planeten ausmacht, wurde dadurch komplett verändert.

Der Blick von außen auf die Erde schafft erst das Bewusstsein, dass wir die Probleme auf der Welt nur gemeinsam lösen können, niemals aber, wenn alle nur auf ihre eigenen Interessen schauen. Das ist eine ganz zentrale Erkenntnis von Reisen ins All. Bilder von Sonden allein sind nicht imstande, diesen Bewusstseinswandel zu erzeugen

Heute ist die Sensibilität für die Verletzlichkeit des Planeten durch den Klimawandel, die Umweltzerstörung und weitere Probleme viel größer als vor 50 Jahren. Wäre es nicht schon aus diesem Grund wichtig, möglichst vielen Menschen diese Erweiterung ihres Bewusstseins zu ermöglichen?

Reiter: Da haben Sie völlig Recht. Ich denke auch, dass alle meine Astronautenkolleginnen und -kollegen dieser Meinung sind. Auch Alexander Gerst hat das bei verschiedenen Gelegenheiten bestätigt. Der Blick von außen auf die Erde schafft erst das Bewusstsein, dass wir die Probleme auf der Welt nur gemeinsam lösen können, niemals aber, wenn alle nur auf ihre eigenen Interessen schauen. Das ist eine ganz zentrale Erkenntnis von Reisen ins All. Und mehr noch: Nur wenn Menschen das emotional für sich erkennen, hat es diese Wirkung. Bilder von Sonden allein sind nicht imstande, diesen Bewusstseinswandel zu erzeugen.

 

Wie viele Menschen waren schon auf dem Mond?

Zwölf. Nach Apollo 11 im Juli 1969 gab es bis 1972 im Rahmen des Apollo-Programms noch fünf weitere erfolgreiche Landungen von NASA-Astronauten auf dem Mond. Der letzte Mensch auf dem Mond war Eugene Cernan im Rahmen der Mission Apollo 17, der am 14. Dezember 1972 den Rückflug zur Erde antrat.

Wie viele Apollo-Missionen gab es?

Zum Apollo-Programm der NASA zählen insgesamt 17 Missionen. In erster Linie bekannt sind allerdings die Missionen Apollo 8, sowie Apollo 11 und Apollo 13. Traurige Bekanntheit erlangte zudem die später in Apollo 1 umbenannte Mission AS-204, bei der alle drei Astronauten bei einem Test am Boden ums Leben kamen.

Apollo 1: Apollo 1 war als erste bemannte Mission des Apollo-Programms geplant. Die Astronauten Virgil Grissom, Edward White und Roger Chaffee sollten am 21. Februar 1967 mit einer Testversion des neuen Apollo-Raumschiffs in eine niedrige Erdumlaufbahn fliegen. Bei einer Routineübung auf dem Raketenstarttisch am 27. Januar 1967 kam es jedoch zu einem Brand in der Kapsel, bei dem alle drei Astronauten ums Leben kamen. Der Start der Mission wurde abgesagt und das US-amerikanische Mondlandeprogramm in der Folge in technischer und organisatorischer Hinsicht gründlich überprüft.

Apollo 8: Im Rahmen der Apollo-8-Mission erfolgte am 21. Dezember 1968 der erste Flug von Menschen zum Mond. Frank Borman, James Lovell und William Anders umrundeten den Mond zehn Mal, bevor sie am 27. Dezember 1968 zur Erde zurückkehrten. Von der Apollo-8-Mission stammt auch das heute weltbekannte Foto „Earthrise“, der Aufgang der Erde über dem Mondhorizont, das eindrucksvoll die Zerbrechlichkeit der Erde in der Weite des Weltalls zeigt.

Apollo 11: Nachdem im Mai 1969 im Rahmen der Apollo-10-Mission alle erforderlichen Manöver in der Mondumlaufbahn getestet worden waren, brachte die NASA bereits wenige Wochen später Apollo 11 auf den Weg. Am 16. Juli 1969 starteten die NASA-Astronauten Neil Armstrong, Edwin Aldrin und Micheal Collins vom Kennedy Space Center in Florida und erreichten am 19. Juli die Mondumlaufbahn. Während Collins im Kommandomodul des Raumschiffs Columbia zurückblieb, gelang Armstrong und Aldrin am nächsten Tag mit der Landefähre Eagle die weiche Landung auf der Mondoberfläche. Wenige Stunden später stieg Armstrong die Leiter der Mondlandfähre hinab und setzte als erster Mensch seinen Fuß auf den Mond. Aldrin folgte wenig später. Nach dem "Sputnik-Schock" am 4. Oktober 1957 konnten die USA mit der ersten erfolgreichen bemannten Mondlandung den "Wettlauf ins All" für sich entscheiden. Weltweit verfolgten rund 600 Millionen Menschen die Übertragung des Ereignisses im Fernsehen.


Apollo 13: Von der Apollo-13-Mission stammt der berühmte Ausspruch: „Houston, wir haben ein Problem.“ Nachdem die Astronauten James Lovell, Jack Swigert und Fred Haise am 11. April 1970 zum Mond gestartet waren, explodiert am 13. April in einer Entfernung von gut 300.000 Kilometern von der Erde einer der beiden Sauerstoffstanks im Servicemodul des Raumschiffs. In der Folge brechen die Wasser-, Sauerstoff- und Stromversorgung zusammen, die Mission muss abgebrochen und Apollo 13 schnellstmöglich zur Erde zurückgebracht werden. Da der Zustand des Haupttriebwerks nach der Explosion nicht bekannt ist, führen die Astronauten ein Swing-by-Manöver am Mond aus und bringen das Raumschiff unter Ausnutzung des Gravitationsfeldes auf Kurs Richtung Erde. Da die wenigen verbliebenen Ressourcen der Kommandokapsel für den Wiedereintritt aufgespart werden müssen, retten Lovell, Swigert und Haise sich für die Heimreise in die Mondlandefähre. Deren Lebenserhaltungssystem ist allerdings nicht dafür ausgelegt, drei Menschen für den vier Tage dauernden Rückflug zu versorgen. Das Luftreinigungssystem ist überlastet und muss mit einem aus Tüten, Flugplänen, Klebeband und einer Socke improvisierten Adapter versehen werden, um mit dem System des Kommandomoduls arbeiten zu können. Um die knappen Reserven der Landefähre zu schonen, schalten die Astronauten alle nicht zwingend notwendigen elektrischen Verbraucher ab. Da anschließend weniger Abwärme produziert wird, sinkt die Temperatur in der Mondlandefähre fast bis auf den Gefrierpunkt ab. Erst wenige Stunden vor der geplanten Landung steigen die Astronauten in die unbeschädigte Landekapsel um. Die Wasserung im Pazifik erfolgt am 17. April 1970, ein US-Kriegsschiff rettet die Besatzung.

Die US-Weltraumbehörde NASA bezeichnet die Mission später als "erfolgreichen Fehlschlag", da die Astronauten trotz der Katastrophe unversehrt zurück zur Erde gelangt sind. Ein gutes halbes Jahr später, im Januar 1971, gelingt mit Apollo 14 die Landung auf dem Mond an der ursprünglich für Apollo 13 vorgesehen Stelle.

 

All das klingt so, als hielten sie es an der Zeit, wieder Menschen zum Mond zu schicken?

Reiter: Ja, ich halte das für sehr sinnvoll ...

... wahrscheinlich aber auch, weil es auf dem Mond noch so einiges zu entdecken gibt?

Reiter: Natürlich. Um diese Frage richtig zu beantworten, lassen Sie uns noch mal kurz einen Schritt zurück machen: Was waren denn die Erwartungen Anfang der 70er Jahre? Man dachte, das geht jetzt so weiter. Die Menschen waren für jeweils wenige Tage auf dem Mond, und nun könnte man mit dem Aufbau einer Station beginnen. Das hat aber nicht funktioniert. Warum? Weil es damals eigentlich im Rahmen des Kalten Kriegs hauptsächlich um die Demonstration der Technologieführerschaft und der Fähigkeiten in der Raumfahrt ging.

Aber heute ist das doch anders ...

Reiter: ... selbstverständlich. Eine Mondmission ist aus wissenschaftlicher Sicht hoch interessant. Der Mond würde den Planetenforschern sehr viel über die Entstehung des Sonnensystems, aber vor allem über unsere Erde verraten. Die einhellige Meinung der Forscher ist heute, dass der Mond aus einem gigantischen Einschlag eines Meteoriten auf der Urerde vor viereinhalb Milliarden Jahren entstanden ist. Der Zustand, der damals auf der Erde geherrscht hat, ist sozusagen auf dem Mond eingefroren worden. Deshalb ist da viel zu lernen und zu erfahren. Das ist die wissenschaftliche Seite.

Welche gibt es noch?

Reiter: Eine wirtschaftliche. Denn es gibt Hinweise, dass auf dem Mond nennenswerte Ressourcen schlummern. Wasservorkommen in den Polregionen. Wasser ist eine wichtige Ressource für einen längeren Aufenthalt auf dem Mond. Man kann es trinken, in Wasserstoff und damit Energie umwandeln, man kann es elektrolysieren und Sauerstoff zum Atmen erzeugen. Das ist wichtig, denn all das muss dann nicht von der Erde herbeigeschafft werden. Zudem gibt es auch Hinweise auf Rohstoffe wie Seltene Erden; ob es sich allerdings lohnt, diese abzubauen, muss sich erst zeigen.

Ich halte es für sehr wahrscheinlich, dass auch ein Europäer mal auf dem Mond stehen wird. Das wäre mein Wunsch und ich glaube, dass das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts möglich ist.

Die Chinesen haben kürzlich Aufsehen erregt, weil sie eine Sonde auf der sogenannten dunklen Seite des Mondes gelandet haben. Wieso war das so bedeutsam?

Reiter: Die erdabgewandte Seite ist ein hervorragender Beobachtungspunkt – für die Radioastronomie und für die optische Astronomie. Vor allem ist es wichtig für das Thema Planetary Defence.

Was heißt das?

Reiter: Es geht darum, frühzeitig zu erkennen, ob sich ein Asteroid auf Kollisionskurs mit der Erde befindet, um ihn dann noch ablenken zu können. Das ist für die Sicherheit des Planeten wichtig. Schließlich ist der Mond auch ein wunderbares Sprungbrett für weitere Reisen ins All, denn auf dem Mond herrscht nur ein Sechstel der Gravitation der Erde.

Sie haben drei gute Gründe genannt, wieder zum Mond zurückzukehren. Welcher von denen ist denn nun der wichtigste?

Reiter: Nicht alle drei können gleich schnell erfüllt werden. Mit den heutigen Möglichkeiten des Transports ist es schwer vorstellbar, Ressourcen vom Mond zur Erde zu bringen. Wahrscheinlicher ist es, die Ressourcen vor Ort zu nutzen. Nehmen Sie als Beispiel Wasser: Würde man auf dem Mond welches finden und könnte es zur Selbstversorgung nutzen, dann könnte der Mensch länger auf der Oberfläche bleiben. Wir sollten deshalb zuerst zu den Polregionen fliegen, um diese Vorort-Anwendungen durchzuführen. Bis wir aber Wasser zur Selbstversorgung erzeugen können, sind noch einige technologische Schritte erforderlich. Diesen Nachweis müssen wir aber unbedingt zuerst schaffen, bevor wir uns damit beschäftigen, Menschen in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts auf die Mondoberfläche zu bringen.

Wenn Sie sagen, Menschen in der zweiten Hälfte des nächsten Jahrzehnts: Reden Sie dann von Europäern?

Reiter: Das wird mit der Rolle zusammenhängen, die wir bereit sind, bei diesen Aktivitäten einzunehmen. Mit dem Servicemodul für Orion und mögliche Elemente für die Lunar Orbital Platform haben wir zumindest die Möglichkeit, uns einen Sitzplatz zu ergattern; er ist die Voraussetzung dafür, dass künftig eine Astronautin oder ein Astronaut aus Europa auf dem Mond gelangen kann. Diese Lunar Orbital Platform dient dazu, Menschen von dort auf die Oberfläche abzusetzen. Das zeigt, dass das Projekt Mond heute langfristiger und nachhaltiger angelegt ist als Anfang der 70er Jahre. Wenn wir uns hierbei einbringen können, halte ich es für sehr wahrscheinlich, dass auch ein Europäer mal auf dem Mond stehen wird. Das wäre mein Wunsch und ich glaube, dass das in der zweiten Hälfte des Jahrzehnts möglich ist.

Lassen Sie uns noch einen Schritt weiter gehen: Wie realistisch und vor allem sinnvoll ist es, zum Mars zu kommen?

Reiter: Aus heutiger Sicht, wäre es technisch noch nicht möglich. Da müssen wir erst noch einige technologische Voraussetzungen schaffen.

Was fehlt noch?

Reiter: Der Schutz vor der Strahlung etwa. Es gibt kein schützendes Magnetfeld auf dem Weg dorthin. Dann die Versorgung. Mit den heute verfügbaren Antriebssystemen würde die Reise zwei Jahre dauern, man müsste allen Proviant mitnehmen. Bevor man also tatsächlich in ein solches Szenario einsteigt, muss man es in geringerer Entfernung erproben. Deshalb ist es logisch, sich nicht auf ein solches Abenteuer zu begeben, sondern die Technologien erstmal weiterentwickeln. Vom Mond aus kann man dann den Sprung wagen.

Elon Musk will aber laut eigener Aussage 2025 ganz auf den Mars übersiedeln...

Reiter: ... schön für Elon Musk, wenn er mit einer solchen Vision Werbung für sich macht. Aber ob allein die Kompetenz, eine zugegeben großartige Trägerrakete zu bauen, schon ausreicht, um zum Mars und wieder zurück zu kommen, wage ich zu bezweifeln. Wir sind einfach noch nicht soweit, um das bis 2025 zu ermöglichen. Visionäre sind wichtig, um uns weiter anzutreiben, aber es muss eben auch technisch machbar sein. Da wird halt auch nur mit Wasser gekocht. Die physikalischen Gesetze lassen sich nun mal nicht verbiegen.

Ein Visionär ganz anderer Art war OHB-Gründer Manfred Fuchs. Er hatte schon vor vielen Jahren für eine deutsche Mondmission geworben. Wir bewerten Sie die Mondaktivitäten von OHB im Rückblick?

Reiter: In der Zeit, als ich beim DLR für Raumfahrtforschung und Entwicklung zuständig war, da hatten wir versucht, eine nationale Mondmission durchzuführen. Diese Mission ist nicht zuletzt von den Vorstellungen angetrieben worden, die Manfred Fuchs entwickelt hat. Wichtig war ja, dass eine solche Mission nicht nur von Forschungsinstitutionen und Agenturen befürwortet, sondern auch von der Industrie aktiv begleitet wird. Und das war bei OHB und Manfred Fuchs der Fall. Diese Mission hätte um Haaresbreite geklappt.

Den Mond können wir jeden Abend sehen, er ist Gegenstand von Legenden und tollen Geschichten. Vor allem aber ist er erreichbar. Ich habe gar keine Zweifel, dass Menschen dort wieder sein werden.

Auch OHB-Gründer Manfred Fuchs wollte zum Mond

OHB-Gründer Prof. Dr. h. c. Manfred Fuchs war immer fasziniert von der Erforschung des Mondes und warb für die Umsetzung von entsprechenden Projekten. So wurden im Rahmen des von Manfred Fuchs initiierten Mona-Lisa-Projektes Programmvorschläge zur Exploration des Mondes erarbeitet, die sich noch heute in den Mondprogrammen von DLR und ESA wiederfinden. In der unter der Leitung von OHB durchgeführten Studie NEXT Lunar Lander (später nur noch Lunar Lander) wurden zudem im Auftrag der ESA als Vorbereitung für die weiche Landung von Sonden und bemannten Landefähren auf der Mondoberfläche zwischen 2007 und 2010 Schlüsseltechnologien für eine autonome Präzisionslandung entwickelt.

Nach seinem Tod im Jahr 2014 wurde Manfred Fuchs durch eine besondere Gedenkmission gewürdigt: Am 23. Oktober 2014 startete die Manfred Moon Memorial Mission (4M) vom chinesischen Weltraumbahnhof Xichang als Huckepacknutzlast der Mondsonde Chang’e 5-T1. Während des Vorbeifluges am Mond sendete die 4M-Sonde in Dauerschleife von der Familie, Freunden und Weggefährten von Manfred Fuchs vorher ins System eingespeiste Nachrichten, die von Funkamateuren aus aller Welt empfangen werden konnten.

Wann war das?

Reiter: Das war 2008, 2009. Aber leider hat es aus verschiedenen Gründen dann doch nicht geklappt. Das Projekt wurde dann europäisiert. In der Ministerratskonferenz 2012 war der Lunar Lander dann auf dem Tisch, er scheiterte letztlich am Geld. Ich habe das sehr bedauert.

Nochmal zurück zu Ihnen: Stellen Sie sich vor, Sie stünden am Anfang Ihrer Karriere, dürften also noch einmal anfangen. Wäre der mögliche Schritt auf den Mond das, was Sie antreiben würde?

Reiter: Auf jeden Fall. Ich glaube, dass das damit zusammenhängt, dass wir Menschen genetisch so veranlagt sind, dass wir immer das Unbekannte erkunden wollen. Diese Veranlagung ist bei dem einen mehr, bei dem anderen weniger stark ausgeprägt. Aber die grundsätzliche Neigung, Neues zu entdecken, hat die Menschheit seit jeher vorangebracht. Wir wollen Grenzen verschieben. Und den Mond können wir jeden Abend sehen, er ist Gegenstand von Legenden und tollen Geschichten. Vor allem aber ist er erreichbar. Ich habe gar keine Zweifel, dass Menschen dort wieder sein werden. Und um auf Ihr Gedankenspiel zurückzukommen: Natürlich würde ich es anstreben, auf die Mondoberfläche zu kommen. Dorthin zu kommen, wo uns nicht die Evolution hingebracht hat, sondern eben die Technologie und unser Intellekt – das finde ich faszinierend. Da bekomme ich auch heute noch Gänsehaut, wenn ich mir das vorstelle, so wie damals als Elfjähriger, als ich vor dem TV-Schirm unserer Nachbarn saß und Neil Armstrong auf dem Mond gesehen habe.

 

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