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Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Warum die Erforschung des Alls durch Menschen sinnvoll ist, seine Besiedelung jedoch noch lange nicht

4. März 2021. Perseverance („Beharrlichkeit“, „Ausdauer“) und Ingenuity („Genialität“, „Einfallsreichtum“) sind zwei der meist genutzten Begriffe der letzten Wochen. Perseverance ist der Name des Rovers, den die NASA kürzlich auf die Marsoberfläche – genauer gesagt, auf den Grund des Jezero-Kraters – gebracht hat. Und Ingenuity heißt der autonom fliegende Hubschrauber, der sich auf dem Mars ein wenig umsehen soll.

Perseverance und Ingenuity sind aber auch Begriffe, die ziemlich perfekt beschreiben, was die Exploration, also die Erforschung des Weltalls, ausmacht. Für eine Mission, die eine Reise von 480 Millionen Kilometern erforderlich macht, sind Einfallsreichtum und Beharrlichkeit Grundtugenden. Das gilt für Raumfahrtprojekte im Allgemeinen: die überwiegende Zahl der Projekte, die im All und für das All durchgeführt werden, bewegen sich am Rande des technisch Machbaren. Sie dauern von der ersten Idee bis zum Moment, in dem – wie neulich die Landung des NASA-Rovers auf dem Mars – die Mission zum Erfolg geführt wurde, viele Jahre.

Die Frage nach Leben im All

Und doch lohnt sich dieser Aufwand. Besser gesagt: Die Erkenntnisse, die die Menschheit aus Forschungsmissionen in die Weiten des Weltraums gewinnt, sind ein unbezahlbarer Beitrag zum weiteren und tieferen Verständnis, wie das Universum, unser Sonnensystem, die Erde und damit auch wir Menschen entstanden sind und sich im Laufe von Millionen und Milliarden von Jahren entwickeln. Und was wir noch gar nicht ermessen können: Was würde es für das Selbstverständnis der Menschen bedeuten, wenn wir erführen, dass es auf dem Mars vor langer Zeit Leben gegeben hat? Wie veränderte sich damit der Blick auf uns selbst, wenn wissenschaftlich bewiesen würde, dass Leben auch an anderen Orten des Universums existiert oder existiert hat? Mehr noch: Da wir inzwischen von vielen Tausend erdähnlichen Planeten wissen, die in einer sogenannten habitablen Zone – also einer Umgebung, in der flüssiges Wasser vorhanden sein kann – um eine Sonne kreisen, was hieße das in Bezug auf die ewige Frage nach anderen intelligenten Lebewesen im All?

Exploration gibt Antworten auf Menschheitsfragen

Ich muss gestehen, dass ich von derartigen Fragestellungen immer schon sehr fasziniert war. Und deshalb bin ich auch wirklich überzeugt, dass die sogenannte Explorations-Raumfahrt notwendig und sinnvoll ist. Das Thema begeistert mich, seit ich als kleiner Junge mit meinem Vater die Mondlandungen im Fernsehen verfolgt habe. Die Vorstellung, dass Menschen unseren Planeten verlassen können, um auf anderen Himmelskörpern zu landen, fasziniert mich auch heute noch. Noch mehr jedoch treibt mich die Frage um, wie es durch derartige Missionen gelingen kann, Antworten auf all diese großen, allumfassenden Menschheitsfragen zu finden. Ich denke, dass es diese Neugier ist, die die Menschen dazu veranlasst, Milliardensummen für Explorationsmissionen auszugeben, also Forschungsreisen zu anderen Planeten zu starten oder Sonden loszuschicken, die so weit wie möglich ins Weltall vordringen sollen. Die 1977 gestartete NASA-Sonde Voyager 1 hat Ende Februar 2021 rund 22,7 Milliarden Kilometer zurückgelegt und ist seit 2013 das erste von Menschen gebaute Objekt, das unser Sonnensystem verlassen hat.

Es gibt jedoch weit weniger entfernte Objekte im All, die einen genaueren Blick oder eine weitergehende Untersuchung lohnenswert erscheinen lassen. Etwa die Venus. Ich bin der Überzeugung, dass es sehr sinnvoll wäre, in der Atmosphäre des Planeten nach Spuren von Leben zu suchen; es gibt ernstzunehmende Hinweise, dass auf der Venus vor Milliarden von Jahren lebensfreundliche Verhältnisse geherrscht haben. Dieses Wissen könnte uns Menschen einen Blick in unsere eigene Zukunft ermöglichen.

Vor 50 Jahren war der letzte Mensch auf dem Mond

Viel naheliegender ist jedoch der Mond. Zuletzt war ein Mensch – der NASA-Astronaut Eugene Cernan – am 14. Dezember 1972 auf der Mondoberfläche. Das ist fast 50 Jahre her. In dieser Zeit haben sich Technologie und Wissenschaft enorm weiterentwickelt. Ich bin deshalb überzeugt, dass eine neue Mission zum Mond auch für die Erkenntnisse über die Entstehung der Erde wegweisend sein könnte. Die Astronautinnen und Astronauten der Artemis-Mission sollen in einigen Jahren am Südpol des Mondes landen. Dort wurde Wassereis nachgewiesen, das eines Tages dazu dienen könnte, Sauerstoff oder Wasserstoff auf dem Mond zu erzeugen. Neben den rein wissenschaftlichen Motiven verfolgt diese Mission aber auch einen Zweck, der mehr dem Forscherdrang der frühen Entdecker der Neuzeit folgt: Von Mondstationen und einer Raumstation im Mondorbit aus könnten Menschen künftig weitere Reisen ins All vornehmen.

Mars: Planet B oder lebensfeindliche Wüste?

Etwa zum Mars. Häufig höre und lese ich von der Vorstellung, Siedlungen für Menschen auf dem Mars zu errichten. Elon Musk, der Gründer und Chef von Space X, spricht immer wieder davon. Seine Rakete Starship soll Menschen und Material zum Roten Planeten transportieren, um dort dauerhafte Siedlungen zu errichten. Zuletzt hat er für eine erste Mars-Mission das Jahr 2026 ins Auge gefasst. Ich verstehe, dass sich diese Geschichte faszinierend anhört. Sie speist sich jedoch eher aus den Ansätzen von Science Fiction und Hollywood als aus einer realistischen wissenschaftlichen Perspektive. Denn dass der Mars tatsächlich eines Tages ein Fluchtpunkt für die Menschheit werden könnte, sozusagen die Alternative zur Erde, das ist für mich ausgeschlossen.

Die Begründung ist recht einfach: Die Verhältnisse auf dem Mars sind derart lebensfeindlich, dass die Menschheit auf ihrem eigenen Planeten schon sehr viel falsch machen muss in den kommenden Jahrhunderten, damit der Mars tatsächlich als erstrebenswerte Alternative erscheint. Die Atmosphäre des Planeten besteht zu 95 Prozent aus Kohlenstoffdioxid, die Oberflächentemperatur beträgt im Mittel um die -60 Grad und wegen des sehr schwach ausgeprägten Magnetfelds wären Menschen dort kosmischer Strahlung schutzlos ausgeliefert. Diese Strahlung ist übrigens auch ein noch nicht gelöstes Problem für Menschen, die die mindestens ein halbes Jahr dauernde Reise dorthin antreten würden – und da reden wir nur über die Hinreise.

Je nach eingesetzter Antriebstechnologie und der Wartezeit nach der Landung auf eine günstige Erde-Mars-Konstellation für den Rückflug, kann der Weg hin und zurück bis zu 1.000 Tage dauern, mit 500 Tagen Aufenthalt vor Ort. Erst mit effizienteren Antrieben könnte die Reisezeit verkürzt werden. Kosmische Strahlen und solare Ereignisse wie Sonnenstürme, die gewaltige Mengen stark geladener Teilchen ausstoßen, verursachen DNA-Defekte, die den Reisenden zweifellos schwere Schäden zufügen würden. Noch ist die Technologie nicht weit genug fortgeschritten, um selbst den Strahlungsschutz auf der Reise zu garantieren – vor Ort auf der Marsoberfläche ist es zumindest denkbar, aus dem vorhandenen Marsgestein Schutzhüllen gegen die Strahlung zu bauen. Ob das jedoch eine behagliche Behausung darstellt, ist eine andere Frage.

Außenposten als Basis für die nächste Etappe

Um die aus meiner Sicht sinnvollen und machbaren Schritte der Menschheit außerhalb unseres eigenen Planeten zu beschreiben, komme ich immer wieder auf die Entdecker der frühen Neuzeit zurück. Auch sie haben sich vorangetastet. Sie haben Außenposten errichtet, die Ihnen als Basis für die nächste Etappe dienten. Und selbst heute noch betreibt die Menschheit zu Forschungszwecken solche Außenposten, etwa die Stationen in der Antarktis. Ich kann mir auch gut vorstellen, dass die Menschheit absehbar eine Tiefseestation errichten wird, in der sich im Wechsel Menschen aufhalten, um die Tiefsee zu erforschen. Es ist eine der Besonderheiten der Wissenschaft, dass sie mehr über die Entstehung und den Zustand des Universums weiß, als über gewisse Bereiche an den tiefsten Stellen der Ozeane.

Aber genau das ist es auch, was mein Bild von der Sinnhaftigkeit von Exploration ausmacht: Es ist aus vielerlei Gründen bestimmt sehr sinnvoll, dass wir uns intensiver damit beschäftigen, die Tiefsee zu erforschen. Dass wir aus den Erkenntnissen Erklärungen über bestimmte Vorgänge ableiten und möglicherweise sogar unser Handeln auf dem Festland deshalb verändern. Wir würden aber doch aus dem Fakt, dass es sinnvoll ist, den Meeresgrund gründlicher zu erforschen, nicht den Schluss ziehen, dass wir als Spezies auch besser in 10.000 Metern Tiefe und völliger Dunkelheit leben sollten. Ähnlich verhält es sich aus meiner Sicht mit dem Mars. Es gibt aus wissenschaftlicher Sicht sicherlich 1.000 gute Gründe, dort Forschung zu betreiben und möglicherweise eines Tages sogar eine von Menschen betriebene Forschungsstation einzurichten. Trotzdem halte ich es für noch lange Zeit nicht für sinnvoll, Menschen dauerhaft auf dem Mars anzusiedeln.

2022 sollen Perseverance und Ingenuity Besuch bekommen: Dann startet der zweite Teil der Mission ExoMars zum Roten Planeten. Mit dem Trace-Gas-Orbiter befindet sich Teil 1 bereits im Marsorbit. Teil 2 der Mission besteht aus einem russischen Landemodul und einem europäischen Rover, der den Namen Rosalind Franklin trägt. Beide werden von einem Carrier-Modul zum Mars getragen, das von OHB gebaut wurde. Ziel der Mission ist unter anderem die Suche nach vergangenem oder noch existierendem Leben.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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