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Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Neues Selbstbewusstsein in der Raumfahrt:
„Agenda 2025“ des neuen ESA-Chefs bringt Europa wieder auf Augenhöhe mit China und den USA

7. April 2021. Josef Aschbacher, Bill Nelson und Philippe Baptiste – drei Namen, die für wichtige Personalentscheidungen in der weltweiten Raumfahrtpolitik stehen. Spannend und interessant zugleich finde ich, dass sie zufällig alle fast zur gleich Zeit im März 2021 getroffen wurden. Aschbacher ist seit 1. März neuer Generaldirektor der Europäischen Raumfahrtagentur ESA. Bill Nelson wurde Mitte März zum neuen Administrator der US-Raumfahrtbehörde NASA vorgeschlagen. Philippe Baptiste schließlich folgt Jean-Yves Le Gall als Präsident der französischen Raumfahrtbehörde CNES. ESA, NASA und CNES gehören neben den Raumfahrtbehörden in Russland, China und Indien zu den wichtigsten und einflussreichsten Institutionen ihrer Art der Welt.
Die Gründe für die Personalwechsel sind dabei durchaus unterschiedlich. Aschbacher folgt dem scheidenden Deutschen Jan Wörner, dessen Vertrag ausgelaufen ist. Baptiste ist in der Raumfahrt ein unbeschriebenes Blatt, er wurde direkt von Frankreichs Präsident Emmanuel Macron benannt; laut französischen Medien, weil der Präsident mit dem früheren Stabschef im französischen Wissenschaftsministerium sozusagen frischen Wind und einen neuen Blickwinkel auf die Raumfahrt wünscht. Nelson wiederum ist die Wahl des neuen US-Präsidenten Joe Biden, ein Ex-Astronaut und intimer Kenner der amerikanischen Raumfahrtpolitik. Er hat so gut wie jedes Gesetz federführend mitformuliert, das Initiativen und Missionen der NASA regelt.

Neue Ansätze für die Herausforderungen in der Raumfahrt

Ich sehe in den Bestellungen dennoch eine Gemeinsamkeit: alle drei Männer haben den Auftrag erhalten oder sich vorgenommen, die aktuellen Herausforderungen in der Raumfahrt mit neuen Ansätzen und frischen Zugängen zu begegnen. Ich begrüße das sehr, denn auch ich bin der Meinung, dass sich die Raumfahrt als Bereich der Wirtschaft und der Wissenschaft derzeit radikal und schnell verändert – mit großen Chancen für Unternehmen wie Gesellschaften. Nicht zuletzt deshalb würde ich auch meine Vorhersage von Anfang 2020 wiederholen: damals schrieb ich in einer meiner Kolumnen, die 20er Jahre würden ein Jahrzehnt der Raumfahrt werden. Die derzeitigen Entwicklungen bekräftigen mich in dieser Aussage.
Die ESA unter Josef Aschbacher etwa will Europa unter einer neuen Strategie wieder auf Augenhöhe mit China und den USA bringen. Die Überschrift für diesen Plan hat er mit „Agenda 2025“ überschrieben. Aschbacher und ich kennen uns schon seit vielen Jahren, deshalb traue ich mir eine Einschätzung zu, was er als neuer ESA-Generaldirektor bewegen will. Nun, es geht ihm im Kern vor allem um drei Themen, die er in der europäischen Raumfahrtstruktur neu ordnen will: Talent, Geld und Geschwindigkeit.
Talent meint, dass wir Europäer die besten Köpfe für neue, disruptive Lösungen und die nötigen Innovationen benötigen. Damit diese Talente auch bei europäischen Raumfahrtunternehmen bleiben und nicht nach kurzer Zeit den Rufen des Silicon Valley erliegen, muss auch mehr Geld für Startups und gute Ideen fließen. Aschbacher hat angekündigt, dass die ESA künftig auch als Ankerkunde bzw. -investor auftreten will. Ich halte das für einen sehr wichtigen Schritt. Denn leider fehlen uns in Europa große Geldgeber wie Elon Musk oder Jeff Bezos, die Milliarden ihres eigenen Vermögens in Raumfahrtfirmen investieren. Schließlich kommt es aber auch noch auf Geschwindigkeit an. Und auch da hat Aschbacher meiner Ansicht nach genau die richtigen Schlüsse gezogen: nur wenn es gelingt, jungen, aufstrebenden Firmen unbürokratisch die nötige Unterstützung zu ermöglichen, können sie mit den Wettbewerben in China und den USA mithalten.

Umwälzende Veränderung in Richtung Kommerzialisierung

Diese Maßnahmen sind jedoch nicht nur wichtig, um Europa wieder wettbewerbsfähig mit den Amerikanern und Chinesen zu machen. Sie bereiten die gesamte Raumfahrtbranche in Europa auch auf die umwälzende Veränderung in Richtung Kommerzialisierung vor. Diese Entwicklung hat in den USA schon vor rund 20 Jahren eingesetzt – und so den Aufstieg von Unternehmen wie Space X oder Blue Origin ermöglicht. Es muss uns Europäern unbedingt gelingen, auch ein solches Umfeld zu schaffen. Zum Beispiel bei der Rocket Factory Augsburg arbeiten rund 90 jungen Talente, hochqualifizierte Ingenieur:Innen. Das sind die Talente, von denen Josef Aschbacher gesprochen hat. Sie arbeiten in einem Unternehmen, das 2018 als Startup aus dem OHB-Konzern ausgegründet wurde und deren Belegschaft wild entschlossen ist, den ersten deutschen Microlauncher zu starten. Wir müssen zusehen, dass diese großartigen jungen Experten ihre Zukunft in Deutschland und Europa sehen!
In den USA gehen die Pläne deutlich weiter. Die NASA ist sehr entschlossen, bald wieder Menschen auf dem Mond zu landen. Ursprünglich hatte die Trump-Administration das Jahr 2024 genannt. Ich bin mir jedoch nicht sicher, ob der Termin gehalten werden kann. Die Folgen der Corona-Pandemie in den USA waren und sind enorm. US-Präsident Biden hat erst kürzlich 1,9 Billionen Dollar für ein Konjunkturpaket freigemacht. Dazu kommen mögliche Verzögerungen bei der Mondrakete Space Launch System SLS.
Der neue NASA-Administrator Bill Nelson muss sich deshalb auf Kämpfe um die nötigen Mittel für eine schnelle Rückkehr zum Mond einstellen. Diesen Kampf wird der 78-jährige langjährige Senator und Ex-Astronaut jedoch mit viel Engagement und Unterstützung aus den Reihen der Republikaner führen. Denn der Mond und das Weltall sind für die USA seit einigen Jahren wieder zu sehr symbolischen Orten geworden. Zuletzt hat das Jerry Moran, republikanischer Senator aus Kansas, in einem Debattenbeitrag im Online-Portal „Space News“ auf den Punkt gebracht. „Stellen Sie sich das schaurige Szenario vor“, schrieb er, „wie Chinesen oder Russen die Flagge entfernen, die Neil Armstrong und Buzz Aldrin 1969 in den Mondstaub gesteckt haben. Und wie sie sie dann auf der Erde als Propagandainstrument missbrauchen, um ihre eigenen Fortschritte im Rennen ins All zu demonstrieren.“

Ideologisches Rennen ins All

Ich denke, der Senator hat sicher ein wenig übertrieben mit dem Bild des Flaggen-Diebstahls. Aber die Grundaussage ist sicher ernst zu nehmen: es gibt wieder ein neues, zum Teil zutiefst ideologisches Rennen ins All. Moran hat für seinen Beitrag den Titel „The next space race“ gewählt. Und den Vergleich zum Rennen um die erste Mondlandung in den 60er Jahren hat er sicher nicht aus reinem Zufall gezogen. An den neuen NASA-Administrator richtet Moran die Botschaft, er erwarte von ihm und Präsident Biden die Artemis-Mission nicht nur mit Worten, sondern auch mit Taten zu unterstützen. „Ich fürchte“, so Moran weiter, „dass die Führung unserer Nation im Weltraum in Gefahr ist, wenn wir das nicht tun.“
Diese Befürchtung kommt nicht von ungefähr. Vor allem China hat seine Ambitionen im All mit mehreren spektakulären Missionen deutlich unterstrichen – zuletzt mit der erfolgreichen robotischen Mission Chang’e-5. Sie brachte nicht nur neue Proben vom Mond zur Erde, sondern ließ auch eine chinesische Fahne auf der Oberfläche zurück. Ein deutliches Symbol und Statement, dass es einen neuen ambitionierten Player im All gibt. Zudem demonstrieren zuletzt auch die Russen wieder mehr Selbstbewusstsein im All. Russland plant eine gemeinsame Mondmission mit China - und die Amerikaner sind stolz, dass sie ihre Astronauten wieder ohne russische Hilfe zur ISS bringen können.
All das wird zudem überlagert von großen geopolitischen Spannungen, die in den vergangenen Wochen zur Überraschung vieler auch vom neuen US-Präsidenten Joe Biden nicht aufgelöst wurden. Im Gegenteil: den russischen Präsidenten Wladimir Putin nannte Biden in einem Interview einen „Killer“ und ein Gipfeltreffen der Außenminister Chinas und der USA in Alaska endete vor drei Wochen mit schweren Vorwürfen von beiden Seiten. Auch der Handelskrieg zwischen China und den USA hat sich eher noch verschärft.
All das muss sich nicht zwangsläufig auf die Raumfahrt auswirken. Eine Lehre der vergangenen Jahrzehnte war, dass große Missionen von einer Nation allein kaum zu bewältigen sind. Selbst die Apollo-Mission und die erfolgreiche Mondlandung 1969 haben die damals mit großem Abstand reichste Nation der Welt auf Dauer überfordert. Das Apollo-Programm wurde dann in den 1970er Jahren vorzeitig eingestellt. Die Internationale Raumstation ISS wäre ohne die Zusammenarbeit vieler Nationen niemals möglich gewesen. Diese Vorteile treten jedoch wieder in den Hintergrund, je mehr die Raumfahrt auch kommerziell interessant wird, je größer ihr strategischer Wert für Streitkräfte und Geheimdienste wird und vor allem je mehr sie wieder als Plattform für Ideologie gesehen wird.
Inzwischen haben mehr als 70 Ländern der Welt Raumfahrtagenturen gegründet. Ich bin der Überzeugung, dass dies vor allem ein Beleg dafür ist, wie sehr die Bedeutung der Raumfahrt als nützliche Technologie für Wirtschaft und Gesellschaft zugenommen hat. Die Agenden und Strategien von Raumfahrtagenturen geben in der Regel die Richtung vor, in die es künftig bei Programmen und Missionen im All gehen soll. Aschbacher tritt für Europa mit einem Konzept an, das Wissenschaft, Exploration und Kommerzialisierung in einen großen Rahmen packen möchte; der Franzose Baptiste könnte ihn dabei als vorheriger Wissenschafts- und Bildungspolitiker unterstützen. Eine eigenständigere Positionierung der Europäer halte ich für sehr sinnvoll und notwendig. Die Stärke Europas war und ist es jedoch auch, die Gemeinsamkeiten mit anderen zu suchen und sie dann in Form von Kooperationen zum Vorteil aller einzusetzen.
Es sind gute Zeiten für die Raumfahrt. Aber auch in guten Zeiten erfordern so große und komplexe Organisationen wie ESA, NASA und CNES eine ebenso gute und erfolgreiche wie mutige Führung. Ich bin sehr zuversichtlich, dass die drei neuen Raumfahrtagenturchefs genau dafür optimal geeignet sind.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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