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Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Bezos Husarenritt wird der nützlichen Raumfahrt neuen Schwung verleihen

21. Juli 2021. Ich bin immer vorsichtig mit Superlativen, meist passen sie nicht. Aber den Flug der Blue-Origin-Crew ins All kann man nicht anders als historisch bezeichnen. Jeff Bezos, der reichste Mensch der Welt, ist mit seinem Bruder Mark, der 82-jährigen Amerikanerin Wally Funk und dem 18-jährigen Niederländer Oliver Daemen innerhalb von knapp vier Minuten auf eine Höhe von 107 Kilometern aufgestiegen und hat damit die Grenze zum Weltall überschritten. Nach etwas mehr als zehn Minuten landete die Kapsel, die sich rund drei Minuten nach dem Start von der Rakete New Shepard gelöst hatte, wieder sicher auf der Erde nahe des Startgeländes in West Texas. Die wiederverwendbare Rakete landete kurz davor Rauchschwaden verbreitend ziemlich genau in der Mitte des Startpads.


Sie können einwenden: was ist denn im Jahr 2021 historisch daran, eine Rakete zu starten? Schließlich heben seit mehr als 50 Jahren Raketen in den Weltraum ab. Das stimmt. Dennoch ist der Flug von Blue Origin insofern historisch als er neben der technischen Herausforderung eines vertikalen Raketenstarts und der sicheren vertikalen Landung der wiederverwendbaren Stufe auch erstmaligen Transport von Zivilisten an den Rand des Weltraums beinhaltete. Und das war eine unglaubliche Pioniertat. Machen Sie sich kurz bewusst, welches Risiko Jeff Bezos mit dem Flug eingegangen ist. Er hat schließlich nicht erstmal drei, vier Flüge abgewartet, bis er selbst in die Kapsel gestiegen ist. Er hat den Frontrunner gemacht – und ist belohnt worden. „Best day ever“, jubelte er deshalb zurecht und völlig ohne jede Übertreibung, als die Kapsel wieder Bodenkontakt hatte.


Ich kann mir kein größeres öffentliches Bekenntnis zum eigenen Produkt vorstellen als den Flug von Bezos in seiner eigenen Rakete. Das Unternehmen hätte in allen Phasen schiefgehen können. Die Folgen wären kaum abzuschätzen. Zunächst einmal für die Menschen an Bord, eine Tragödie wäre aller Wahrscheinlichkeit zu beklagen gewesen. Aber auch für Märkte und Visionen wäre der Tag dann zur Katastrophe geworden. Alle weiteren geplanten Flüge mit Zivilisten in den Weltraum hätten sich für immer erledigt. Die Firma Blue Origin, die Raumfahrt mit Astronauten sowie insgesamt die kommerzielle Raumfahrt wären erstmal zurückgeworfen worden. Vom Schaden für das Unternehmen Amazon ganz zu schweigen, mit dem der Name Jeff Bezos untrennbar verbunden ist.


Nun ist aber Gott sei Dank alles gut gegangen. Und deshalb wird dieser Husarenritt der Raumfahrt neuen Schwung verleihen. Dabei sollte auch die Leistung von Virgin Galactic und Richard Branson nicht unter den Tisch fallen. Der britische Milliardär ist eine gute Woche vor Bezos ebenfalls mit Zivilisten rund 80 Kilometer in den Himmel geflogen. Allerdings hat sich sein Gefährt von einem Flugzeug abgekoppelt und ist nicht wie eine Rakete vertikal gestartet. Beide Projekte haben die Menschheit dem All näher gebracht. Und so sehr die Diskussion über Sinn und Unsinn solcher Flüge berechtigt ist, so sehr lässt sich auch die Meinung vertreten, dass Fortschritte in der Geschichte der Menschheit immer dann gemacht wurden, wenn Risiken eingegangen und Grenzen überwunden wurden. Kurzum: wenn Historisches passiert ist.


Ich begrüße Missionen wie die Flüge von Bezos und auch Branson, weil sie die weltweite Aufmerksamkeit darauf lenken, was Raumfahrt imstande ist zu leisten. Und sie schärfen auch das Bewusstsein dafür, wofür wir Raumfahrt nutzen können. Der Weltraumtourismus wird aus meiner Sicht noch lange kein Massengeschäft werden. Dazu sind die Kosten und die Risiken einfach zu groß, und auch die gerade sehr intensiv diskutierten Auswirkungen der Emissionen von Raketenstarts auf die Umwelt haben nicht nur ihre Daseinsberechtigung, sondern müssen gegen den Spaßfaktor einzelner abgewogen werden. Dennoch werden die Flüge von Bezos und Branson wieder wichtige Bausteine für die Verbesserung der Raumfahrt liefern und dies wird auch positive Effekte auf die für die gesamte Menschheit wichtige nützliche Raumfahrt haben.


Denn die viel bedeutendere Leistung der Raumfahrt ist die der Beobachtung, die der Sammlung von Fakten über das Gesamtsystem Erde. Nur aus einigen hundert Kilometern Höhe sind wir in der Lage, die Entwicklung unseres Planeten insgesamt zu erfassen – daraus gewinnen wir dann die Erkenntnisse - basierend auf den Daten aus dem All - mit denen wir Lösungen erarbeiten können. So ähnlich hat es Jeff Bezos nach seiner Landung auch gegenüber Medien formuliert. Er sagte, wir müssten beides tun: auf der Erde Probleme lösen und ins All fliegen. Ich bin der Meinung, dass sich beides mehr denn je bedingt. Bestimmte Probleme auf der Erde – wie etwa der Klimawandel, der Treibhauseffekt, Lecks in Öl- und Gaspipelines oder auch Kommunikationslücken – lassen sich nur mit Unterstützung aus dem All lösen. Und nur wenn wir die Raumfahrt vorantreiben, werden wir einen essentiellen Beitrag zur Verbesserung des Lebens auf der Erde leisten können.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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