"Deutschland ist eine globale Zentrale für Aberglaube"

Wetterexperte Jörg Kachelmann über Wissenslücken beim Thema Klimawandel Und die Bedeutung von Satellitendaten für präzise Wetterprognosen

OHB Redaktionsteam
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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

Jörg Kachelmann (61) ist ein Schweizer Meteorologe, Autor, Moderator und Unternehmer. Schon als Kind wollte er Meteorologe werden. Er studierte Geografie, Mathematik und Physik an der Universität Zürich, brach das Studium aber ab und wurde Journalist. 1991 gründete Kachelmann die Meteomedia AG, ab 1994 präsentierte er das Wetter für die ARD. Seit 2011 stellt er regelmäßig das Wetter auf seinem Youtube-Kanal vor und unterhält eine eigene Wetterseite. Darüber hinaus liefert er sich auf Twitter immer wieder hitzige Debatten mit Leugnern des Klimawandels. Im Interview mit Günther Hörbst, dem Leiter der Unternehmenskommunikation bei OHB, erklärt er, welchen Nutzen Satellitendaten für die Wettervorhersage haben und welche Arten von Satelliten auf seinem persönlichen Wunschzettel stehen.

Herr Kachelmann, es fällt auf, dass Sie in sozialen Medien sehr aktiv sind, vor allem auf Twitter.

Jörg Kachelmann: Stimmt, auf Twitter lassen sich viele Themen sehr direkt und unvermittelt transportieren.

Aber ist es nicht gerade bei Ihren Themen – dem Wetter und dem Klimawandel – so, dass sehr viel Unfug verbreitet wird und reichlich Unkenntnis in der Öffentlichkeit herrscht? Gerade in den sozialen Medien?

Auch das stimmt. Es werden da sehr viele private und politische Süppchen gekocht. Auf beiden Seiten gibt es Leute, die noch gar nicht verstanden haben, dass es einen Klimawandel gibt. Und vor allem auf der politischen Seite gibt es sehr häufig den Willen, jedes einzelne Wetterphänomen dem Klimawandel zuzuordnen. Man darf ja nicht vergessen, dass es dabei auch um sehr viel Geld geht. Die Wahrheit liegt irgendwo zwischen beiden Extremen. Und schließlich ist es ein Fakt, dass wir viele Dinge auch einfach noch gar nicht wissen.

Was wünschen Sie sich denn an Verbesserung?

Vor allem, dass man mehr sehen kann als nur „Wolken oder keine Wolken“. Man möchte Blitze sehen, man sollte die Veränderung der Vegetation sehen können, das ist wichtig für die Analyse von Dürreereignissen. Der Satellit hilft uns entscheidend dort, wo es Länder ohne Wetterstationen gibt, die über kein Radar verfügen. Für diese Länder ist der Satellit die einzige Chance, Fakten über Klimaveränderungen zu bekommen.

Der Satellit hilft uns entscheidend dort, wo es Länder ohne Wetterstationen gibt, die über kein Radar verfügen. Für diese Länder ist der Satellit die einzige Chance, Fakten über Klimaveränderungen zu bekommen.

Dann freuen Sie sich sicher, dass demnächst die ersten Satelliten der dritten Generation des europäischen Wettersatellitenprogramms starten werden, nämlich MTG.

Damit bekommen wir eine sehr viel größere Bandbreite der Möglichkeiten, vor allem die Infrarotkanäle erlauben dann auch Analysen ohne Tageslicht, oder Nebel und flache Wolken. Jede neue Satellitengeneration ist immer eine große Hoffnung, Dinge zu machen, die man vorher nicht machen konnte. Wahr ist aber auch, dass man damit die Wetterprognose nicht neu erfinden wird. Es geht also nicht darum, Wettervorhersagen weit in die Zukunft machen zu können, sondern dass dadurch die Qualität der Wettervorhersage verbessert wird, weil man die Ausgangslage besser kennt. Das Entscheidende ist, dass uns beim Ist-Zustand nichts durch die Lappen geht. Wenn uns das gelingt, ist die Prognose auch viel präziser. Das klingt in der Regel nicht so spektakulär, ist aber eigentlich das Entscheidende: Es geht bei den Satellitendaten weniger um die Vorhersage als vielmehr darum, noch viel besser zu wissen, wie das Wetter im Moment ist, gerade zur Verbesserung der Ausgangssituation bei den Modellberechnungen. Und das ist der eigentliche Vorteil, den Satelliten der Meteorologie bringen.

Wird also bei der Diskussion übers Klima mehr über ein Wunschbild gesprochen, statt sich darauf zu konzentrieren, den momentanen Zustand ausreichend gut zu kennen und verstanden zu haben?

Wir synoptischen Meteorologen kümmern uns ja weniger um das Klima als um das Wetter der kommenden Tage. Wenn wir mit den neuen Satelliten besser aufgelöste Bilder bekommen, können wir das genauer analysieren und verstehen. Wir können mit solchen Daten Vorhersagemodelle besser modellieren. Das betrifft viele Bereiche unseres Lebens. Nehmen Sie etwa das autonome Fahren. Ob das Auto nun selbst fährt oder nicht: Am Ende ist auch da wichtig, ob die Straße nass oder trocken ist und ob die Oberflächentemperatur unter oder über null liegt. Da sind hochaufgelöste Satellitenbilder eine große Hilfe. Das klingt unspektakulär, ist aber lebenswichtig. Ich kann also nur hoffen, dass Europa möglichst schnell seine Fähigkeiten aufrüstet; noch schöner wäre es, wenn Europa mit der  nächsten Generation einen neuen Standard setzt, also das übertrifft, was im Moment in den Amerikas und Asien zur Verfügung steht.

Sie hatten jetzt mehrfach erklärt, wie wichtig der Blick aus dem All auf die Erde für Ihre Arbeit ist. Wenn Sie einen Wunsch frei hätten, wie würde der lauten?

Ich wünschte, wir hätten das Geld für ganz viele polumlaufende Satelliten. Mit den geostationären Satelliten sieht man die Pole leider nicht gut, um es vorsichtig zu sagen. Ein modernes, technisch ausgefeiltes Netz von polumlaufenden Wettersatelliten wäre eine großartige Geschichte für die Meteorologie.

Was genau sollen diese kleinen Satelliten können?

Sie sollten die üblichen Kanäle haben, also Optik und Infrarot, in guter Auflösung aus rund 700 Kilometern Höhe. Das wäre eine sehr sinnvolle Ergänzung. Mir ist klar, dass das ein naiver Wunsch ist. Aber sie würden helfen, das Abschmelzen der Eisdecke besser beobachten zu können und daraus bessere Animationen für die Darstellung in der Öffentlichkeit herstellen zu können.

Wie wichtig ist denn die Veränderung der Eisschicht an den Polen für die Meteorologie?

Es gibt im Moment fast nur kommerzielle Bilder in hoher zeitlicher und räumlicher Auflösung von den polaren Gebieten. Um der Öffentlichkeit klarzumachen, was mit dem Eis passiert, sollten wir regelmäßig Bilder zeigen können. Das löst bei den Menschen viel mehr aus, als wenn wir ihnen eine Modellanimation präsentieren.

Denken Sie, dass solche Bilder von den Veränderungen der Eisdecke an den Polen noch mehr Bewusstsein darüber schaffen würden, wie der Klimawandel wirkt?

Davon bin ich absolut überzeugt. Bilder sagen bekanntlich mehr als 1.000 Worte. Am Ende geht es doch darum, dass wir es den Menschen leichter machen müssen, die Fakten zu verstehen.

Bilder sagen bekanntlich mehr als 1.000 Worte. Am Ende geht es doch darum, dass wir es den Menschen leichter machen müssen, die Fakten zu verstehen.

Nehmen wir mal Monika Mustermann. Die verbindet Ihre Arbeit im Grunde mit dem täglichen Wetterbericht. Aber Wetterprognosen sind noch für viel mehr Lebensbereiche wichtig. Verraten Sie uns bitte mal, wer noch auf Ihre Prognosen zurückgreift.

Vor allem die Landwirtschaft. Wir arbeiten etwa für die Hagelversicherung, für die wir ein Landwirtschaftswetter vorhalten. Versicherungen allgemein greifen auf unsere Arbeit zurück. Für die Tourismuswirtschaft sind Wetterprognosen ebenfalls entscheidend. Die allerwichtigste Anwendung ist aus meiner Sicht aber, das Leben für die normalen Leute weniger unglücklich zu machen. Etwa Menschen, die sich wenig leisten können und durch unsere Prognosen glücklich aus dem Urlaub zurückkommen.

Ist denn durch die viele Berichterstattung über das Klima überall Ihrer Erfahrung nach mehr Wissen da oder ist das nur ein Zeitgeistthema, das durch Greta Thunberg gesetzt wurde?

Ich glaube nach wie vor, dass wenig Wissen da ist. In den Schulen wird etwa immer noch kaum über Wetter- und Klimaveränderungen auf der Erde gesprochen. Allgemein kann ich sagen: Deutschland und die deutschsprachigen Länder sind ohnehin so etwas wie globale Zentralen für Aberglaube.

Sie meinen, weil in unseren Breiten die Blumenzwiebeln immer noch nach Bauernregeln gesetzt werden?

Die Leute glauben an den hundertjährigen Kalender, sie glauben, dass Flüsse Wetterscheiden sind, sie sind überzeugt, dass Ebbe und Flut das Wetter beeinflussen, dass Hochspannungsmasten das Wetter verändern, dass sie durch Tiefdruckgebiete Kopfschmerzen bekommen, dass Durchzug krank macht. Oh ja, es gibt noch sehr viel Bedarf für zusätzliche Aufklärung ...

Sie könnten ja Ihren eigenen Satelliten starten –  Kachelmann 1. Was meinen Sie?

Gute Idee. Wenn ich das nötige Kleingeld zusammenhabe, melde ich mich wieder bei Ihnen. Versprochen.