Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

„Wir sind entschlossen, auch bei der nächsten israelischen Mission zum Mond dabei zu sein.“

OHB beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit dem Thema Mond

29. April 2019. Die Landung der israelischen Raumsonde „Beresheet“ auf dem Mond ist am 11. April 2019 zwar nicht wie geplant geglückt, doch die Mission selbst war ein großer Erfolg und hat viel Begeisterung ausgelöst - weltweit, vor allem aber in Israel. Immerhin war es die erste nichtstaatliche und überwiegend privat finanzierte Mondmission der Geschichte. Ich habe den Livestream verfolgt und mit den Beteiligten mitgefiebert, schließlich waren wir von OHB sehr eng daran beteiligt. Ende Januar 2019 habe ich eine Kooperationsvereinbarung zwischen OHB und dem israelischen Raumfahrtunternehmen IAI unterzeichnet und kenne deshalb die Mission sehr gut.

OHB ist fest entschlossen, auch bei der nächsten Mission von Beresheet dabei zu sein

Deshalb war ich auch sehr froh zu hören, dass der Vorsitzende von SpaceIL, Morris Kahn, nur zwei Tage später angekündigt hat, Beresheet 2 auf den Weg zu bringen. SpaceIL hat das Mondlandemodul gebaut. „Wir haben eine Sache angefangen, und die werden wir jetzt auch zu Ende bringen“, hat er in einer Botschaft auf Twitter gesagt. Auch ich bin überzeugt, dass die Geschichte von Beresheet noch nicht zu Ende ist. Es ist ein riesiger Erfolg, so weit gekommen zu sein. Und OHB ist fest entschlossen, auch bei der nächsten Mission von Beresheet dabei zu sein. Ich hoffe sehr, dass wir dazu beitragen können, dass Beresheet 2 dann als zentraler Teil einer europäischen Mondlandemission zum Erdtrabanten fliegt.

Ich bin recht zuversichtlich, dass das gelingen kann. Die derzeitige große Begeisterung für das Thema Mond wird der Raumfahrt dabei helfen. Viele verschiedene Aspekte treiben diese Bewegung an: es gibt die erwähnte israelische Beresheet-Mission, wir feiern im Juli 2019 das 50. Jubiläum der Mondlandung durch Apollo 11, die Chinesen sind in diesem Jahr auf der Rückseite des Monds gelandet, schließlich gibt es auch noch das Projekt einer Station im Mondorbit - kurzum: das Interesse am Mond ist so groß wie zuletzt Anfang der 70er Jahre. Für OHB wiederum spricht unsere jahrzehntelange Beschäftigung mit dem Mond; mein Vater Manfred Fuchs hat sich in den Nullerjahren sehr stark für eine deutsche und anschließend auch für eine europäische Mondmission eingesetzt.

Nachdem es um Haaresbreite nicht geklappt hat, diese Missionen in die Tat umzusetzen, hat OHB mit eigenen Mitteln eine Sonde entwickelt, gebaut und gemeinsam mit den Chinesen im Oktober 2014 in die Mondumlaufbahn gebracht. Diese Mission haben wir im Gedenken an meinen kurz zuvor verstorbenen Vater 4M-Mission genannt – Manfred Memorial Moon Mission. Wie sehr OHB und meinen Vater das Thema Mond beschäftigt hat, beweist auch ein Geschenk der Belegschaft aus dem Jahr 2008: bei der Lunar Embassy in den USA haben OHB-Mitarbeiter meinem Vater zum 70. Geburtstag ein 1000 Quadratmeter großes Grundstück auf „der uns zugewandten Seite des Mondes in der Gegend um 58 Grad nördliche Breite und 54 Grad östliche Länge“ gekauft.

Es ist wahrscheinlich, dass bald wieder ein Mensch auf dem Mond stehen wird

Ich halte es für höchst wahrscheinlich, dass bis Mitte des kommenden Jahrzehnts Menschen wieder auf dem Mond stehen werden. Leider werde ich sie nicht bitten können, auf unserem Familiengrundstück nach dem Rechten zu sehen. Sie werden andere Aufgaben erfüllen müssen. Auf dem Mond werden Rohstoffe vermutet, Wasser zum Beispiel. Es wird sehr wichtig sein, diese Wasservorkommen zu finden. Denn das ist die Voraussetzung dafür, dass Menschen sich künftig auch länger auf der Mondoberfläche aufhalten können. Bevor wir jedoch an die Gründung von Kolonien auf dem Mond denken, sollten wir uns auf naheliegende wissenschaftliche Aufgaben konzentrieren. Mit den Möglichkeiten, die uns die heutige Technologie bietet, können wir dem Mond wichtige Informationen über die Entstehung der Erde und des Universums entlocken.

Die Menschen waren zuletzt 1972 auf dem Mond. Der technologisch-wissenschaftliche Fortschritt seither bietet enorme Möglichkeiten, unser Wissen über die Geschichte unseres Planeten zu vertiefen. Schließlich ist der Mond eine Art Guckloch in die Frühzeit der Erde – die Wissenschaft ist heute sehr sicher, dass der Mond aus Teilen unseres Planeten entstanden ist, die vor viereinhalb Milliarden Jahren durch einen gigantischen Meteoriteneinschlag herausgesprengt wurden. Mehr über die Erde und uns selbst zu erfahren, kann in Zukunft möglicherweise über unser Schicksal entscheiden. Denn nur durch wissenschaftlich fundierte Forschung wird es der Menschheit gelingen, mehr und bessere Erkenntnisse über Vorgänge und Wirkungen zu erfahren, die die Entwicklung der Erde bestimmen. Und nur so wird es möglich sein, wirkungsvoll darauf zu reagieren. So gesehen trägt die Raumfahrt möglicherweise auch dazu bei, die Erde langfristig als lebensfreundlichen Ort im All zu erhalten.

Der Mond als Zwischenstation für Reisen zum Mars

Wenn wir unseren Fokus auf die sogenannte dunkle Seite des Mondes richten – die übrigens gar nicht dunkel ist, sondern nur die von der Erde abgewandte, die wir nicht sehen können – dann können wir uns ganz hervorragend vorstellen, wie wir von dort weiter ins All aufbrechen würden. Denn selbstverständlich würde sich dort ein fabelhafter Startplatz für Raumschiffe einrichten lassen. Man müsste nur ein Sechstel der Erdanziehungskraft überwinden, um ins Weltall aufzubrechen. Es ginge alles viel leichter und schneller. Doch bis wir an dem Punkt angekommen sind, um Astronauten auf eine Reise zum Mars zu schicken, werden meiner Meinung nach noch ein bis zwei Jahrzehnte verstreichen. Zum einen wird es sicher noch lange dauern, bis Menschen sich den Mond als eine Art Weltraum-Hub hergerichtet haben, von dem aus sie weiter in den Weltraum vorstoßen können. Zum anderen haben wir für eben diese langen Reisen ins All noch viel zu viele technologischen Probleme nicht gelöst. Mit der Antriebstechnik, die uns derzeit zur Verfügung steht, würde die Reise etwa zum Mars und zurück im günstigsten Fall rund zwei Jahre dauern – viel zu lange, um die Menschen an Bord versorgen zu können. Zudem fehlt uns auf dem Weg zu anderen Planeten auch das Magnetfeld der Erde, das uns vor der gefährlichen Strahlung aus dem All schützt.

Deshalb sollten wir uns zunächst einmal auf das Naheliegende konzentrieren, nämlich den Mond. Und dort sollten wir all das testen und erproben, was wir für spätere Reisen in die Tiefen des Alls benötigen. Das muss man sich wie beim Seefahrer Christoph Kolumbus vorstellen. Kolumbus ist nach Amerika gefahren. Aber was hat man danach gemacht? Es sind Zwischenstationen auf den Kanaren, Azoren und Kap Verden errichtet worden. Damit hat man einen sicheren Schiffsverkehr organisiert. So würde der Mond in vielen Jahrzehnten vielleicht als einer der Versorgungspunkte auf dem Weg zum Mars dienen – als Hub, an dem man Proviant und Ersatzteile bunkert.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.