Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Mit Copernicus baut Europa sich eine Erkenntnis-Infrastruktur

02. Juli 2020. Der Klimawandel sorgt seit einigen Jahrzehnten für starke Eingriffe in unsere Umwelt: Das Wetter verändert sich, Gletscher sowie das Eis an den Polen schmelzen und Naturkatastrophen nehmen zu. Mit der neuesten Technologie satellitenbasierter Erdbeobachtung lassen sich diese Veränderungen heute präzise messen und verfolgen. Das ermöglicht es Wissenschaftlern, die Folgen besser einschätzen zu können und damit der Politik Empfehlungen zu liefern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen. Das ist vor allem bedeutend für große politische Vorhaben wie etwa das Programm „European Green Deal“ der Europäischen Union, die es sich zum Ziel gesetzt hat, bis zum Jahr 2050 keinerlei Treibhausgase mehr zu produzieren. Kurzum: Europa will bis dahin klimaneutral werden.

Copernicus: Satelliten als Klimawächter

Ein sehr wichtiger Pfeiler dieser Strategie ist dabei das europäische Erdbeobachtungsprogramm „Copernicus“, neben dem Navigationssystem Galileo das zweite große satellitengestützte Raumfahrtprogramm der EU. Die Satelliten dieses Programms heißen „Sentinel“, eine passender Name, wie ich finde. Seit 2014 befinden sich sieben dieser „Wächter“ im All und passen im wahrsten Sinn des Wortes auf den Zustand der Umwelt, des Klimas und der Atmosphäre auf. Und in den kommenden Jahren werden weitere dieser „Wächter“ im Rahmen der Erweiterungsmission „Sentinel Expansion“ ins All geschickt. Das Industrial Policy Committee IPC der Europäischen Raumfahrtagentur ESA hat jetzt die nächsten sechs Copernicus-Missionen vergeben. Ich freue mich sehr, dass auch OHB in verschiedenen Projekten einen bedeutenden Teil zu diesem Programm beitragen kann.

Europa meint es ernst mit dem Klimaschutz

Vor allem die Aufgabe, die CO2M-Mission als Hauptauftragnehmer umzusetzen, macht mich sehr stolz. Denn an der Frage, wie sich in den kommenden Jahrzehnten der Anteil von Kohlendioxid in der Atmosphäre entwickeln wird, wird sich auch das Schicksal der Weltklimas entscheiden. CO2M soll es ermöglichen, Regionen mit starkem Kohlendioxidausstoß zu entdecken sowie allgemein die Vereinbarungen des Klimaabkommens von Paris zu überwachen. Das Bekenntnis zu Copernicus ist für mich auch ein Beleg dafür, dass Europa es mit dem Klimaschutz wirklich ernst meint. Denn nun gibt es mit dem Green Deal nicht nur konkrete Ziele mit einem konkreten Datum, sondern die Investitionen in die Sentinel-Familie verschaffen der EU auch die nötigen Instrumente, um umfassend und transparent nachzuweisen, wie weit sie auf dem Weg dahin gekommen ist.

Copernicus dient jedoch nicht nur dazu, Klimaziele besser zu verfolgen. Das Programm dient auch dazu, Veränderungen von Böden und Meeren besser zu verstehen; das nützt der Landwirtschaft, die etwa durch die Hyperspektralanalyse von Äckern Informationen über die Fruchtbarkeit ableiten kann. Das wiederum kann helfen, die Ernte zu steigern, indem der punktgenaue Einsatz von Bewässerung oder Düngemitteln möglich wird. Die Beobachtung von Wäldern und Wiesen liefert ein umfassendes Lagebild für die Forstwirtschaft sowie der Vielfalt von Lebewesen in der Natur. Die Daten zur Windgeschwindigkeit und Sonneneinstrahlung liefert der Energiebranche zudem wichtige Informationen für die Stromgewinnung mittels erneuerbarer Energien. Bodenanalysen mittels Hyperspektraltechnologie liefern Erkenntnisse darüber, wo sich neue Rohstoffquellen befinden. Das große Potenzial ergibt sich vor allem, weil Copernicus die satellitengestützten Erdbeobachtungsinstrumente mit Datenquellen am Boden, zu Wasser und in der Luft (etwa in Flugzeugen) verknüpft.

Erkenntnisse lassen sich nur durch unvoreingenommene Beobachtungen gewinnen

Erdbeobachtungsmissionen in der Raumfahrt haben – egal, ob sie der militärischen Aufklärung, der Küstenüberwachung oder der Veränderungen von Methangasen in der Luft dienen - eines immer gemeinsam: sie ermöglichen einen unvoreingenommenen Blick von oben. Wenn die Menschheit mit Erdbeobachtungssatelliten aus großer Höhe auf den Planeten schaut, verschafft sie sich eindeutige Fakten. Unsere Kultur basiert schlussendlich auf Erkenntnis, auf Empirie. Man gesteht sich ein, dass man nicht alles weiß, dass Beobachtung noch weitere Erkenntnis bringt und dass diese Erkenntnis dann möglicherweise das Verhalten verändert. Mit der neuesten Technologie satellitenbasierter Erdbeobachtung lassen sich diese Veränderungen heute präzise messen und verfolgen.

Der tiefere Sinn der Raumfahrt besteht in dem Fall darin, dass sie die Beobachtung von Veränderungen auf dem Planeten großflächiger machen kann. Daraus kann sie große Autorität ableiten. Denn am Ende geht es immer darum, Prognosen oder Theorien glaubhaft zu machen. Dazu muss man beobachten und Fakten sammeln. Bei Umwelt und Klima trifft das auf jeden Fall zu.

Die Raumfahrt hat eine Schlüsselrolle beim Klimaschutz

Globaler Klimaschutz ist aus diesem Grund ohne technische Hilfe aus dem Weltall gar nicht mehr denkbar. Die Raumfahrt nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. Denn es geht auch darum, zu messen, ob Klimaschutzmaßnahmen den gewünschten Effekt haben. Nach einer Erhebung der ESA können mehr als 50 Prozent der wichtigen Klimavariablen nur durch Technologien der Raumfahrt gemessen werden. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Sensoren nötig wären, um all diese Daten an Messpunkten auf der Erde zu erhalten. Die Betrachtung aus dem Orbit ist somit auch eine sehr zuverlässige Datengrundlage für politische Entscheidungen.

Ich bin jedoch auch ganz allgemein davon überzeugt, dass die Umweltüberwachung eine Permanenz und Vielschichtigkeit bekommen wird, die sie von allen anderen Bereichen deutlich unterscheidet. Der Bereich Umwelt einschließlich Wetter und Klima wird langfristig enorm an Bedeutung gewinnen. Die Umweltüberwachung aus dem Weltraum wird ein Ausmaß annehmen, das wir uns im Moment noch gar nicht vorstellen können. Ich kann mir vorstellen, dass wir in Zukunft möglicherweise über Sensoren reden, die eine eigene Satellitenkonstellation notwendig machen.

In diesem Sinn bin ich auch sehr froh, dass wir bei OHB über unsere Expertise in der Erdbeobachtungstechnologie und den künftigen Copernicus-Missionen einen Beitrag leisten können, die Erde langfristig zu schützen und zu erhalten. Die Raumfahrt nimmt für sich ja insgesamt in Anspruch, dass sie Gutes für die Erde leistet. Für die Überwachung der Umwelt nehmen wir natürlich auch in Anspruch, dass die Erde damit bewahrt werden soll. Die für die Raumfahrtindustrie ideale Situation ist ja tatsächlich die permanente Überwachung der Erde bei Umwelt, Klima und Sicherheit. Denn dann bildet diese Überwachung einen Teil der globalen Infrastruktur; sie stellt dann eine Art Erkenntnisinfrastruktur dar, die rund um die Uhr Daten zur Verfügung stellt. Und auf diese Weise trägt sie wesentlich dazu bei, der Wissenschaft die Daten zu liefern, die sie dazu in die Lage versetzen, rechtzeitig auf Fehlentwicklungen hinzuweisen. Politiker erhalten dadurch eine bessere Grundlage für die richtigen Entscheidungen.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.