Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Mehr Geld für die Raumfahrtförderung hilft dem Klimaschutz

23. September 2019. Das vergangene Wochenende hat einmal mehr gezeigt, welches Thema einen großen Teil der Weltgemeinschaft derzeit am meisten bewegt und welche die drängendsten Fragen unserer Zeit sind: Auf dem UN-Klimagipfel in New York haben Staatschefs und Wissenschaftler aus aller Welt darüber diskutiert, wie die Ziele des Klimaabkommens von Paris schneller erreicht werden können. Zuvor hatten schon weltweit unzählige Demonstrationen der Bewegung „Fridays for Future“ unter dem Motto „Globaler Klimastreik“ stattgefunden, um mehr Druck auf die Politik bei dieser Schicksalsfrage der Menschheit auszuüben, alleine in Berlin waren über 250.000 Menschen an den Demonstrationen beteiligt. Am selben Tag hatte die Bundesregierung in Berlin nach langen Verhandlungen ihren Klimapakt für Deutschland vorgestellt, der in über 60 Einzelmaßnahmen Anreize zu mehr Klimaschutz bringen soll.

In Bremerhaven wurde es noch konkreter: Die vom Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven geleitete internationale Polar-Expedition „Mosaic“ – das Akronym steht für „Multidisciplinary drifting Observatory for the Study of Arctic Climate“ - ist von Tromsö in Norwegen aus zum Nordpol aufgebrochen. Sie soll Aufschluss darüber liefern, wie sehr das weltweite Klimasystem durch das Abschmelzen des Nordpolarmeers beeinflusst wird.

17 Nationen nehmen an „Mosaic“ teil. Die Deutschen übernehmen in etwa die Hälfte der Gesamtkosten von rund 140 Millionen Euro. Teilnehmer haben die Expedition bereits mit der internationalen Raumstation ISS verglichen. „So viele Nationen, die trotz aller Rivalität zusammenkommen, um etwas Großes auf die Beine zu stellen“, zitiert die Süddeutsche Zeitung einen Wolkenforscher aus den USA. Mir gefällt diese Analogie ganz gut, denn sie eignet sich ganz hervorragend, die Bemühungen der AWI-Expedition auf der Erde mit den Bemühungen der Raumfahrt beim Thema Klima- und Umweltüberwachung im All in Zusammenhang zu bringen.

Erbeobachtungsmissionen ermöglichen einen unvoreingenommenen Blick von oben

Erdbeobachtungsmissionen in der Raumfahrt haben – egal, ob sie der militärischen Aufklärung, der Küstenüberwachung oder der Veränderungen von Methangasen in der Luft dienen - eines immer gemeinsam: sie ermöglichen einen unvoreingenommenen Blick von oben. Wenn die Menschheit mit Erdbeobachtungssatelliten aus großer Höhe auf den Planeten schaut, verschafft sie sich eindeutige Fakten. Unsere Kultur basiert schlussendlich auf Erkenntnis, auf Empirie. Man gesteht sich ein, dass man nicht alles weiß, dass Beobachtung noch weitere Erkenntnis bringt und dass diese Erkenntnis dann möglicherweise das Verhalten verändert. Mit der neuesten Technologie satellitenbasierter Erdbeobachtung lassen sich diese Veränderungen heute präzise messen und verfolgen. Das ermöglicht es Wissenschaftlern, die Folgen unserer Handlungen auf der Erde besser einschätzen zu können und damit der Politik Empfehlungen zu liefern, Gegenmaßnahmen zu ergreifen.

Der tiefere Sinn der Raumfahrt besteht in dem Fall darin, dass sie die Beobachtung von Veränderungen auf dem Planeten großflächiger machen kann. Daraus kann sie große Autorität ableiten. Denn am Ende geht es immer darum, Prognosen oder Theorien glaubhaft zu machen. Dazu muss man beobachten und Fakten sammeln. Bei Umwelt und Klima trifft das auf jeden Fall zu.

Globaler Klimaschutz ist aus diesem Grund ohne technische Hilfe aus dem Weltall gar nicht mehr denkbar. Die Raumfahrt nimmt hier eine Schlüsselrolle ein. Denn es geht auch darum, zu messen, ob Klimaschutzmaßnahmen den gewünschten Effekt haben. Nach einer Erhebung der ESA können mehr als 50 Prozent der wichtigen Klimavariablen nur durch Technologien der Raumfahrt gemessen werden. Es ist kaum vorstellbar, wie viele Sensoren nötig wären, um all diese Daten an Messpunkten auf der Erde zu erhalten. Die Betrachtung aus dem Orbit ist somit auch eine sehr zuverlässige Datengrundlage für politische Entscheidungen.

ESA-Konferenz auf Ministerebene setzt einen wichtigen Schwerpunkt für Raumfahrtanwendungen im Bereich Klimaschutz und Umweltüberwachung

Die nächste ESA-Konferenz auf Ministerebene im November 2019 setzt für Raumfahrtanwendungen im Bereich Klimaschutz und Umweltüberwachung daher auch zum richtigen Zeitpunkt einen wichtigen Schwerpunkt, dort wird nämlich über die nächste Generation modernster Erdbeobachtungssatelliten für das europäische Programm Copernicus entschieden. Verschiedene Missionen sollen im Rahmen des EU-Raumfahrtprogramms neue Erkenntnisse liefern: Die CO2-M-Mission soll ermöglichen, Regionen mit starken CO2-Emissionen zu entdecken, sie kann dadurch maßgeblich zur Überwachung der Klimaziele von Paris beitragen. Die Mission „Land Surface Temperature Monitoring (LSTM)“ wird die Veränderung der Oberflächentemperatur der Erde messen und dabei vor allem die Küstenregionen im Blick haben. Viele weitere interessante Missionen stehen im November in Sevilla zur Entscheidung und aus Sicht von OHB und der gesamten deutschen Raumfahrtbranche ist es erfreulich, dass die deutsche Delegation bereits angekündigt hat, sich in der Erdbeobachtung in diesem Jahr besonders zu engagieren. Ich bin davon überzeugt, dass die Umweltüberwachung eine Permanenz und Vielschichtigkeit bekommen wird, die sie von allen anderen Bereichen deutlich unterscheidet und dass die deutsche Regierung hier voranschreitet, denn was nur wenige wissen: Der Staat ist dabei der entscheidende Treiber. Der Grund ist einfach: Der Staat ist der größte Akteur in der Raumfahrt, spielt er doch auf beiden Seiten des Spielfelds mit. Einerseits ist er ein wichtiger Kunde, der den Menschen wichtige Raumfahrtanwendungen zur Verfügung stellt, so zum Beispiel die Satellitennavigation oder die satellitengestützte Wetterbeobachtung. Andererseits fördert der Staat die Raumfahrt mit Technologieprogrammen, um wichtige Fähigkeiten in diesem Bereich zu erhalten, auszubauen oder aufzusetzen.

Das „Nationale Programm für Weltraum und Innovation“ bietet in Deutschland den Rahmen, um die dafür nötigen Technologien zu entwickeln und zu testen. In diesem Programm werden die Grundlagen für die Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Raumfahrtbranche gelegt. Da ich fest überzeugt bin, dass die Technologie der Erdbeobachtung mittelfristig eine Bedeutung erlangen wird, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können, ist eine zügige und relevante Erhöhung des Budgets des Nationalen Programms für Weltraum und Innovation von der derzeit rund EUR 300 Mio auf EUR 500 Mio pro Jahr ein folgerichtiger Schritt. Neue Technologien zur Erdbeobachtung via Satellit verbunden mit den Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz haben das Potenzial, bislang ungeahnte Erkenntnisse zu liefern und vielleicht sogar neue Geschäftsmodelle zu schaffen. Deutschland ist in der Raumfahrt in Europa gemeinsam mit Frankreich führend – und das soll auch so bleiben. Deshalb setze ich mich gemeinsam mit vielen anderen Unternehmen und Institutionen aus der deutschen Raumfahrtcommunity für eine zügige und deutliche Aufstockung der Mittel für Forschung und Entwicklung ein.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.