Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Luxemburg – ein kleines Land, das in Raumfahrt ganz groß ist

OHB-Tochter Luxspace seit 15 Jahren aktiv

6. Februar 2020. In diesen Tagen bewegt mich ein kleines Land im Herzen Europas, dem OHB als Unternehmen seit vielen Jahren verbunden ist. Ich spreche von Luxemburg. Es gibt gleich mehrere Gründe, warum ich mich gedanklich in diesen Tagen mit dem Großherzogtum im Dreiländereck Deutschland, Belgien, Frankreich beschäftige.

Da ist zum einen der Ausstieg des luxemburgischen Wirtschaftsministers und stellvertretenden Ministerpräsidenten Etienne Schneider am 4. Februar. Er will sich mehr um sein Privatleben und seine Familie kümmern, hat er im Dezember 2019 verlauten lassen. Außerdem ist er der Ansicht, dass acht Jahre in wichtigen Ämtern der Regierung seines Landes genug seien.

Ich habe großen Respekt vor dieser Entscheidung. Allerdings erlaube ich mir auch, sie zu bedauern. Denn zum einen habe ich mich häufig mit ihm getroffen, ausgetauscht sowie gemeinsame Initiativen angeschoben. Es waren ausnahmslos angenehme und zugleich inspirierende Gespräche, an die ich mich gern erinnere. Die Leistungen Schneiders sind nicht hoch genug einzuschätzen. Es ist ihm gelungen, das kleine Luxemburg zu einem großen Player der europäischen Raumfahrt zu machen. Ich erinnere mich noch gut daran, wie er uns mit einer großen Delegation in Bremen besucht hat. Das war übrigens exakt vier Jahre vor seinem offiziellen Ausscheiden aus der Politik – am 4. Februar 2016. Damals kam Schneider in Begleitung des damaligen Bremer Wirtschaftssenators Martin Günthner zu Gesprächen in die OHB-Zentrale. Der Minister hatte ein Thema dabei, das ich damals sehr faszinierend fand: Weltraumbergbau. Seine Initiative dazu nannte er „spaceressources.lu“. Schneider wollte Luxemburg zum Zentrum von Firmen machen, die Ressourcen aus dem All erkunden und auch nutzen wollen. Als erstes Land der Welt hat Luxemburg aus diesem Grund Ende 2017 auch ein Weltraumgesetz beschlossen, das Forschern und Investoren Rechtssicherheit über das Eigentum von Materialien aus dem All garantieren soll. Das Thema war außerordentlich spannend – und damals geradezu visionär. Ich war sofort begeistert und habe Schneider nach Kräften unterstützt. Der Luxemburger hat mit dieser Initiative Mut bewiesen, schließlich ist er einiges politisches Risiko damit eingegangen. Hohn und Spott musste er sich damals gefallen lassen. Doch sein Mut wurde belohnt.

Ich erinnere mich aber auch gern an meine Auftritte an der Seite Etienne Schneiders während der Veranstaltungen zum Asteroid Day in den vergangenen Jahren. Dieser Tag, der die Welt für die nach wie vor unterschätzte Gefahr eines Asteroideneinschlags sensibilisieren soll, findet regelmäßig seit 2016 in Luxemburg stattfindet. Das Thema ist in Europa inzwischen einer größeren Öffentlichkeit als wichtig bekannt – nicht zuletzt aufgrund der Initiative aus Luxemburg. Minister Schneider und ich haben zusammen auch eine gemeinsam die Gründung einer neuen OHB-Tochterfirma mit Sitz in Luxemburg bekannt gegeben: Blue Horizon, ein Unternehmen, das sich mit Life Science-Themen beschäftigt und beispielsweise an Technologien forscht, wie auf Mond- oder Marsgestein Pflanzen wachsen können.

Ganz allgemein kann man festhalten, dass es in Luxemburg ein Umfeld gibt – gefördert und ganz entscheidend angetrieben durch Persönlichkeiten wie Etienne Schneider – das vor allem in der Raumfahrt immer sehr früh an visionären Zukunftsthemen dran war. So trieb er schon vor Jahren die Bemühungen voran, ein fruchtbares Feld für Start-Ups aus unserer Branche zu schaffen. Seit Ende 2019 gibt es nun auch den von Etienne Schneider lange gewünschten Fonds für Raumfahrt-Start-Ups, den Orbital Venture Fund. Das Startkapital beträgt EUR 70 Mio. Neben dem Staat Luxemburg sind eine Reihe von Privatunternehmen wie Finanzinvestoren, der Satellitenbetreiber SES aus Luxemburg sowie die US-Investmentgesellschaft Promus Ventures beteiligt. Ich bin stolz sagen zu können, dass sich auch OHB an dem Fonds beteiligt – mit EUR 7 Mio. sind wir dabei der größte private Teilhaber. Ich bin überzeugt, dass auch diese Initiative mit der Zeit Erfolg zeigen wird. In Luxemburg hat sich über die Jahre eine sehr kreative, stark auf die Zukunftsthemen der Raumfahrt ausgerichtete Raumfahrt-Community gebildet.

Luxspace feiert Geburtstag

OHB feiert übrigens 2020 ein kleines Jubiläum in Luxemburg: unsere Tochterfirma LuxSpace in Betzdorf ist seit 15 Jahren dort aktiv. Der Handelsregistereintrag erfolgte im Dezember 2004, operativ gestartet ist unser Unternehmen dort im Januar 2005. In dieser Zeit sind viele spannende Projekte von Luxemburg aus gestartet worden. Ich möchte ein für OHB ganz besonders erfolgreiches Thema hervorheben: seit vielen Jahren sorgt LuxSpace dafür, dass die von Schiffen ausgesendeten AIS-Daten (Automatic Information System) zur Positionierung verarbeitet werden. Satelliten des OHB-Partnerunternehmens Orbcomm empfangen die AIS-Daten und geben sie über ein Netzwerk aus Bodenstationen an das Data Processing Center bei Luxspace weiter, von wo aus sie zu den Kunden gelangen. So kommen täglich rund 30 Millionen AIS-Daten an, womit rund 200.000 Schiffe identifiziert werden. LuxSpace gehört mit dieser Dienstleistung damit zu Europas Marktführern.

Um diese Dienstleistung noch weiter zu verbessern, hat LuxSpace im Rahmen eines ESA-Projekts für den kanadischen Betreiber exactEarth den Microsatelliten Esail entwickelt und gebaut. Er soll noch genauere AIS-Positionierungen liefern. ESail wird voraussichtlich Ende März ins All starten, aber bereits Mitte Februar per Luftfracht zum europäischen Startplatz nach Kourou gebracht. Parallel entwickelt LuxSpace die Microsatellitenplattform Triton X weiter. Diese Entwicklungen in Luxemburg sind für OHB als End-to-End-Raumfahrtunternehmen strategisch wichtig. Wir sind somit in der Lage, Satelliten von 5 Kilo bis 5 Tonnen zu bauen – und sind damit auch für das stark wachsende Segment der Microsatelliten gut aufgestellt.

Für die OHB-Gruppe ist das kleine Luxemburg also eine große Nummer. Unsere Aktivitäten dort haben wir stetig ausgebaut, weil die Rahmenbedingungen am Standort immer vorteilhaft waren. Das wiederum ist nicht zuletzt der Leistung und dem leidenschaftlichen Einsatz von Etienne Schneider zu verdanken. Er hatte es sich deshalb mehr als verdient, vom US-Technologiemagazin Space News Ende 2017 als „Government Leader of the Year“ ausgezeichnet zu werden. Seine Arbeit hat übrigens auch dazu geführt, dass im Jahr 2018 die Luxembourg Space Agency geschaffen wurde. Etienne Schneider ist für mich deshalb einer der prägenden Figuren der europäischen Raumfahrt des vergangenen Jahrzehnts. Ich wünsche ihm für die Zukunft alles Gute und hoffe, er bleibt der Raumfahrt in Europa weiter verbunden.

Beitrag des Deutschlandfunks der Reihe:  „Der Traum vom All – Luxemburg will den Weltraum erobern."


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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