Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Europa hat sich dem Schutz der Erde verschrieben

Wir wollen nicht unser Schicksal akzeptieren müssen, sondern die Möglichkeit haben, es zu beeinflussen

5. Dezember 2019. Es gibt nach meiner Beobachtung derzeit ein großes Thema, das die Gesellschaften in Deutschland und Europa, vielleicht sogar weltweit, gleichermaßen bewegt: der Schutz unserer Erde. Die Bewegung „Fridays for Future“ etwa hat sich zu einer weltweiten Anklage gegen die bisherige Untätigkeit der Politik gegen die Folgen für die jungen Generationen entwickelt. In vielen Ländern regt sich Protest gegen das wilde Abholzen von Regenwäldern. Extremwetterereignisse machen immer mehr Menschen Angst um ihre Existenz. In Madrid treffen sich derzeit Staats- und Regierungschefs sowie Wissenschaftler aus aller Welt, um unter dem Motto „TimeforAction“ wirksame Klimaschutzmaßnahmen in Gang zu bringen. Vergangene Woche gab es erneut einen weltweiten „Klimastreik“. Insgesamt, so habe ich den Eindruck, herrscht auf dem Planeten eine noch nie dagewesene Sorge darüber, wie es mit der Erde um das Jahr 2100 wohl bestellt sein wird.

Ich war deshalb wirklich beeindruckt, wie sechs Vertreter von Fridays for Future kürzlich in Hamburg im Schauspielhaus den von der ZEIT gestifteten Marion-Dönhoff-Preis für Völkerverständigung und Solidarität entgegengenommen haben. Sie haben ihn nämlich kämpferisch entgegengenommen, als Gelegenheit, der aus ihrer Sicht stillen Mehrheit noch einmal aufzutragen: „Ehrt uns nicht, macht lieber was! Die Zeit, um gegenzusteuern, rennt uns davon!“ Und auch in unserer Firma hat sich unter dem Hashtag #AllefürsKlima ein ehrenamtliches OHB-Team formiert, das sich engagiert für einen bewussteren Umgang mit den Ressourcen unserer Erde einsetzt.

Erdbeobachtung: Alle geplanten Copernicus-Missionen werden umgesetzt

Die Vertreter der ESA-Mitgliedsländer haben die Notwendigkeit zu handeln durchaus verstanden - und auch umgesetzt. Die europäische Erdbeobachtungsmission „Copernicus“ hat auf der ESA-Konferenz „Space19+“ ein Budget von rund EUR 1,8 Mrd. für die nächsten drei Jahre erhalten, allein EUR 520 Mio. davon kommen aus Deutschland. Das ist deutlich mehr, als ursprünglich erwartet worden ist. Mit diesem Geld können alle sechs geplanten Missionen umgesetzt werden – sie werden einen sehr wichtigen Beitrag leisten, mehr über die Veränderungen der Umwelt und des Klimas auf unserem Planeten zu erfahren. Dieses Wissen wird uns in die Lage versetzen, besser und vor allem schneller auf die Veränderungen zu reagieren. Anders ausgedrückt: Durch das Bekenntnis für Copernicus hat Europa deutlich gemacht, wie ernst es den ESA-Staaten damit ist, dem gefährlichen Wandel des Klimas und der Umwelt nicht tatenlos zuzusehen.

Space Safety: Asteroidenabwehr-Mission Hera erhält höheres Budget als erwartet

Europa und Deutschland haben auf der „Space19+“ noch ein weiteres sehr starkes Signal zum Schutz der Erde gesendet. Es handelt sich dabei um den Bereich Space Safety, genauer gesagt um die Asteroidenabwehrmission Hera. Insgesamt stehen für die erste Phase dieser Mission nun rund 170 Mio. Euro zur Verfügung. Deutschland hat mit 60 Mio. EUR mehr als gedacht beigesteuert und führt diese Mission. Die Gefahr von Asteroiden wird weltweit deutlich unterschätzt. Aktuell häufen sich die Meldungen über Asteroiden wieder, die die Erde nur knapp verfehlen. Erst am 10. Oktober 2019 erweiterte die ESA ihre Risikoliste um den Asteroiden „2019 SU3“, der im September 2084 auf die Erde treffen könnte. Im Juli war der Asteroid „2019 OK“ beinahe unentdeckt an der Erde vorbeigefolgen. Auch der „Gott des Chaos“ sorgte für Aufregung: in zehn Jahren soll dieser Asteroid uns in einer Entfernung von nur 30.000 km passieren und so der Erde gefährlich nahekommen.

Aus einer allgemeinen Perspektive betrachtet besteht das größte Risiko darin, dass wir den Asteroiden im Moment nichts entgegenzusetzen haben. Sollte also ein Asteroid Kurs auf die Erde nehmen, sind wir ihm restlos ausgeliefert. Bisher können wir Asteroiden nur beobachten und bestimmen, wo sie sich befinden. Trotz der technischen Entwicklung der letzten Jahre übersehen wir hin und wieder welche. Diesen Aspekt gilt es also zu verbessern. Andererseits benötigen wir dringend eine Lösung für den Fall, dass ein Asteroid ein Kollisionsrisiko für die Erde darstellt. Bisher haben wir einfach nur Glück gehabt; den Dinosauriern ist es damals anders ergangen.

Wir wollen nicht unser Schicksal akzeptieren müssen, sondern die Möglichkeit haben, es zu beeinflussen. Genau deswegen sind Missionen zur Asteroidenabwehr so wichtig. Es geht darum zu verstehen, was wir gegen Asteroiden tun können, die sich auf uns zu bewegen. Und durch die bewilligten Budgets für die Mission Hera kann sofort begonnen werden, die Ausschreibung zu Hera ist ja bereits zugunsten von OHB erfolgt, deshalb legen wir jetzt alle Schalter auf grün und legen mit der Entwicklung des Projekts los.

Die Mission Hera ist übrigens aus einem ganz bestimmten Grund enorm wichtig für den Schutz unserer Erde: wir wissen viel zu wenig über die Zusammensetzung von Asteroiden. Das heißt, sollte sich ein solches Objekt auf die Erde zu bewegen, ist es von entscheidender Bedeutung zu wissen, wie stark der „Schubs“ sein muss, der es aus seiner Bahn werfen kann. Dieses „Billard im All“ wird mit Hera untersucht werden. Stark vereinfacht formuliert wird folgendes gemacht: zunächst wird eine NASA-Sonde zum Asteroiden Didymos fliegen und einen sogenannten Impactor auf seinen kleinen Begleiter Didymoon abfeuern. Die europäische Hera-Sonde wird später hinterherfliegen und messen, welche Wirkung der Impactor verursacht hat. Auf Basis der Daten kann dann geschlossen werden, wie ein Asteroid abgelenkt werden kann, der sich auf Kollisionskurs zur Erde befindet.

Ich gebe zu, dass ich von der Möglichkeit vollkommen fasziniert bin, dass es tatsächlich gelingen kann, eine derartige Bedrohung wirkungsvoll zu bekämpfen. Derartiges kennen wir bislang nur aus Hollywoodfilmen – und in denen sind, mit Verlaub, eher untaugliche Mittel angewendet worden. In einer nicht mehr allzu fernen Zukunft werden die Menschen jedoch über Technologien verfügen, den Planeten Erde vor derartigen massiven Bedrohungen schützen zu können. Denn es geht gar nicht so sehr um die Frage, ob es passiert. Es ist nur die Frage, wann es passieren wird und ob es uns Menschen gelingt, die Gefahr rechtzeitig zu erkennen. Je früher es gelingt, einen Asteroiden auf Kollisionskurs zu entdecken, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass seine Bahn umgelenkt werden kann. Aus diesen Gründen müssen wir unsere Bemühungen in die Beobachtung und Erforschung des Weltraums weiter verstärken. Denn so betrachtet sind EUR 170 Mio. eine Investition, die auf lange Sicht die Zukunft unserer Zivilisation erhalten helfen wird.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.


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