Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Bremen ist weit besser als sein Ruf

Über die Raumfahrtbranche und weitere Stärken des Standorts

29. August 2019. Bremen hat seit kurzem eine neue Landesregierung, die bundesweit einige Aufmerksamkeit erzeugt hat: erstmals regiert in einem westdeutschen Bundesland eine Koalition aus SPD, Grünen und der Partei Die Linke. Und Bremen hat mit Andreas Bovenschulte auch einen neuen Bürgermeister und Regierungschef, der noch im Frühjahr als Bürgermeister des Städtchens Weyhe vor den Toren Bremens amtierte. Kurz vor der Wahl des Senats habe ich ein großes Interview mit Bovenschulte in der Welt am Sonntag gelesen. Das hat mich natürlich gefreut. Schließlich bin ich in Bremen groß geworden, meine Familie und viele Freunde leben hier, die Stadt ist Gründungs- und Hauptsitz von OHB. Deshalb finde ich es gut, wenn sich überregionale Medien für das interessieren, was hier passiert. Ich glaube auch, dass dieses Interesse durch die besondere politische Konstellation noch eine Weile anhalten wird. Gewiss auch deshalb, weil das Jahr 2019 mit der Europa-Wahl und den noch anstehenden Landtagswahlen in Sachsen, Brandenburg und Thüringen ohnehin ein sehr politisches ist und die nun auch bundesweit nicht uninteressante neue Koalition in Bremen insgesamt für eine größere Aufmerksamkeit gesorgt hat.

Ich finde es aber auch darüber hinaus angemessen, dass Bremen überregional mehr Aufmerksamkeit geschenkt wird. Nicht nur wegen der politischen Entwicklungen, sondern vor allem, weil Bremen als Standort, als Ort zum Leben und Wohnen, weit besser ist als sein Ruf. Ich komme als Unternehmer sehr viel herum, auch und besonders in Deutschland. Und in den Gesprächen höre ich in Bezug auf Bremen häufig Urteile und Vorstellungen, die meist sehr undifferenziert sind; sogar das Bremer Wetter wird oft (noch) schlechter dargestellt als es ist. Es ist ja nicht zu leugnen, dass Bremen von allen 16 Bundesländern am höchsten verschuldet ist. Es ist auch wahr, dass das Bildungssystem Defizite aufweist. Und man kann nicht bestreiten, dass die Kluft zwischen Arm und Reich in Bremen und Bremerhaven groß ist. Daraus jedoch abzuleiten, dass in unserem Stadtstaat nichts funktioniert, ist schlicht falsch.

In der Raumfahrt gehört der Standort zur Weltspitze

Unsere Branche, die Raumfahrt, demonstriert etwa nachdrücklich das Gegenteil. In dieser Kategorie gehört der Standort zur Weltspitze. Mir fallen nur wenige Orte auf der Welt ein, in denen es eine vergleichbare Konzentration von bedeutenden Industrieunternehmen, renommierten Forschungsinstituten sowie hochklassigen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen in der Raumfahrt an einem Standort gibt. Rund 140 Unternehmen und 20 Institute mit etwa 12.000 Beschäftigten erwirtschaften in der „City of Space“ pro Jahr mehr als 4 Mrd. Euro. Das ist nicht zuletzt ein Grund, weshalb OHB sich nicht nur mit großer Überzeugung zu seinem Gründungs- und Hauptstandort bekennt, sondern ihn auch seit vielen Jahren ständig und nachhaltig weiter ausbaut. Allein im Jahr 2018 haben wir in Bremen mehr als 200 neue Mitarbeiter eingestellt, 2019 werden weitere rund 150 dazu kommen. Wir bauen auch die Infrastruktur auf unserem Firmengelände aus. Bis 2020 investieren wir rund EUR 20 Mio. in eine neue, große Integrationshalle sowie zusätzliche Labore und Gebäudeerweiterungen.

Das Fundament ist in meiner Heimatstadt allerdings Jahrhunderte alt, Bremen ist ein traditioneller Handels- und Wirtschaftsstandort. Der Begriff Hansestadt ist untrennbar mit Bremen verbunden, die Mitgliedschaft in der Hanse hat sich tief in die Bremische Identität eingegraben. Das Hanseatische ist hier immer noch ein gelebter Wert, sowohl im gesellschaftlichen wie auch im wirtschaftlichen Leben. Gemeint ist damit eine gewisse Haltung, Integrität und Verlässlichkeit. Gesellschaftlich ist damit auch Großzügigkeit gemeint: neben Bremen kennt in Deutschland nur noch Hamburg einen derart ausgeprägten Bürgersinn, durch den die Bewohner über das Ehrenamt oder Stiftungen zum Wohl der Gemeinschaft beitragen.

Wirtschaft hat in Bremen schon immer eine große Rolle gespielt

Wirtschaft hat also in Bremen schon immer eine große Rolle gespielt. Und sie tut es noch. Sehr erfolgreich übrigens. Nicht nur in der Raumfahrt, sondern auch im volkswirtschaftlichen Sinn. In der Bruttowertschöpfung der Bundesländer rangiert Bremen hinter Baden-Württemberg auf Platz 2. Neulich fiel mir eine sehr interessante Grafik in einer Wirtschaftszeitung auf. Sie hat die Wirtschaftskraft verschiedener europäischer Länder nach Regionen dargestellt. Demnach liegt das Bruttosozialprodukt Bremens bei 47.900 Euro pro Einwohner – weit über dem deutschen Schnitt von 38.200 Euro, deutlich über dem Schnitt von etwa Köln und Düsseldorf und noch deutlicher zum Beispiel über dem Pro-Kopf-Schnitt der französischen Region Midi-Pyrénées, zu der auch Toulouse gehört. Wien, die Hauptstadt Österreichs, liegt mit 48.600 Euro pro Kopf nur sehr wenig vor Bremen. Und die Bruttowertschöpfung der leistungsstärksten italienischen Provinz Südtirol liegt mehr als 5000 Euro unter der Bremens.

Neben dem traditionellen Handel trägt vor allem aber auch die Industrie zu dieser Wirtschaftskraft bei. Bremen ist bundesweit der siebtgrößte Industriestandort. Die Raumfahrtindustrie bildet dabei ein sehr großes und wichtiges Cluster: bei Airbus Bremen wird etwa das Service Modul für das Raumschiff Orion für die Nasa gebaut, die Ariane Group baut die Oberstufe für die europäische Trägerrakete Ariane 5 und 6, OHB fertigt Satelliten, etwa für das europäische Navigationssystem Galileo. Ich bin sehr zuversichtlich, dass der neue Bürgermeister Andreas Bovenschulte und die neue Wirtschaftssenatorin Kristina Vogt diese und viele andere Stärken des Standorts auch gerne „draußen“ bewerben. Das tut nicht nur dem Selbstbewusstsein der Bremer gut, sondern hilft auch der Wirtschaft. Denn alle Unternehmen suchen dringend Fachkräfte und sind auch auf Nachwuchs angewiesen. Je positiver das Bild Bremens außerhalb unserer schönen Stadt ist, desto eher finden die besten Köpfe auch den Weg zu uns.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.