Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Bremen festigt als Gastgeber des IAC 2018 seinen Ruf als „City of Space“

Der IAC in Bremen ist der Höhepunkt des Raumfahrtjahrs

 

 

20. September 2018. Das Bremer Raumfahrtjahr „Sternstunden 2018“ strebt seinem Höhepunkt entgegen. In wenigen Tagen wird der IAC 2018 in der Hansestadt seine Türen für tausende Besucher aus aller Welt öffnen. Ich freue mich ganz persönlich sehr für die Stadt, dass der weltweit größte Kongress für alle Bereiche und Themen der Raumfahrt nach 2003 bereits zum zweiten Mal in Bremen stattfindet. Das ist auf eine gewisse Art ein Ritterschlag für den Standort. Denn ich finde, dass die Wahl völlig zurecht auf meine Heimatstadt gefallen ist. Bremen ist zwar keine Weltstadt. Doch darauf kommt es in diesem Fall nicht an. Was in Bezug auf den IAC zählt, ist die Bedeutung Bremens für die Raumfahrt. Und in dieser Kategorie gehört der Standort zur Weltspitze. Mir fallen nur wenige Orte auf der Welt ein, in denen es eine vergleichbare Konzentration von bedeutenden Industrieunternehmen, renommierten Forschungsinstituten sowie hochklassigen Aus- und Weiterbildungseinrichtungen in der Raumfahrt an einem Standort gibt.

Allein im Jahr 2018 werden wir in Bremen mehr als 200 neue Mitarbeiter einstellen

Das ist nicht zuletzt ein Grund, weshalb OHB sich nicht nur mit großer Überzeugung zu seinem Gründungs- und Hauptstandort bekennt, sondern ihn auch seit vielen Jahren ständig und nachhaltig weiter ausbaut. Allein im Jahr 2018 werden wir in Bremen mehr als 200 neue Mitarbeiter einstellen, auch die Infrastruktur auf unserem Firmengelände werden wir ausbauen. Bis 2020 investieren wir rund EUR 20 Mio. in eine neue Integrationshalle sowie Labore und Gebäudeerweiterungen. Die gute Auftragslage in unserem Unternehmen und die Aussicht auf weitere lukrative Projekte in den kommenden Jahren machen diese Maßnahmen nötig. Unser Erfolg wird aber hoffentlich auch auf andere Institutionen und Einrichtungen am Standort Bremen abstrahlen. Wir kooperieren mit den ausgezeichneten Forschungseinrichtungen sowie den Hochschulen Bremens. Zuletzt haben wir eine offizielle Kooperation mit einem Gymnasium geschlossen, um sehr frühzeitig junge Menschen für Themen der Raumfahrt sowie das, was wir bei OHB in dieser Industrie machen, zu begeistern.

Viele dieser Themen werden wir demnächst in den Hallen der Messe Bremen an unserem Stand, in Vorträgen sowie Diskussionsrunden präsentieren. Gut 70 Kolleginnen und Kollegen aus allen Unternehmen der OHB-Gruppe werden auf dem IAC vertreten sein, sie werden insgesamt 55 Vorträge halten und vier von OHB organisierte sogenannte Global Networking Foren moderieren. Diese Zahlen machen mich stolz, zeigen sie doch, wie viel Kompetenz und welche Vielfalt an Themen unser Unternehmen mittlerweile zu bieten hat. Es zeigt darüber hinaus, dass die Expertise von Raumfahrtingenieuren aus Bremen weltweit begehrt ist. Das belegt auch der Umstand, dass uns nicht nur die für Raumfahrt zuständige EU-Kommissarin bei OHB besuchen wird, sondern auch der neue NASA-Direktor James Bridenstine wird uns einen Besuch abstatten. Auf dieses Gespräch bin ich wirklich gespannt, wird es doch zeigen, wie es um die transatlantische Zusammenarbeit in der Raumfahrt künftig bestellt sein wird.

Klimawandel und Umweltverschmutzung haben ein bedrohliches Maß erreicht

Auf dem IAC wollen wir unseren Fokus auf die Bereiche Erdbeobachtung und Exploration richten. Beide Themen spielen nach meiner Überzeugung eine zentrale Rolle bei der Frage, wie die Zukunft des Planeten und damit der Menschheit aussehen wird. Denn unsere Erde ist durch den Einfluss des Menschen auf die Umwelt, das Klima und die Beschaffenheit von Luft, Böden und Gewässern extremen Belastungen ausgesetzt: Klimawandel und Umweltverschmutzung haben ein bedrohliches Maß erreicht. Erdbeobachtungssatelliten können uns helfen, diese Veränderungen frühzeitig zu erkennen, um dann Gegenmaßnahmen einleiten zu können. Sie helfen aber auch dabei, Ressourcen besser zu nutzen – etwa dadurch, dass Landwirte dann präziser düngen oder bewässern können und somit mehr Ertrag aus den Feldern gewinnen. Das sind nur einige wenige Beispiele für das, was Erdbeobachtungssysteme leisten können. Es gibt noch viele, viele mehr. Ich bin fest davon überzeugt, dass die nächste Generation von Erdbeobachtungssystemen einen ganz massiven Einfluss darauf nehmen werden, wie wir Menschen mit der Erde umgehen. Einfach, weil es dann deutlich stärker als heute möglich sein wird, Ursache und Wirkung zu demonstrieren sowie die Verursacher von Fehlentwicklungen identifizieren zu können.

Aber auch das Thema Exploration wird uns Menschen künftig stärker beschäftigen. Zum einen, weil möglicherweise durch Missionen wie ExoMars, an der OHB maßgeblich beteiligt ist, Leben auf anderen Planeten entdeckt werden könnte – und damit die Phantasie der Menschheit über die Frage, was es da draußen in den Weiten des Alls noch zu entdecken gibt, wieder angefacht wird. Die Mission PLATO, an der unser Unternehmen ebenfalls als Hauptauftragnehmer arbeitet, könnte dabei sehr hilfreich sein. Ein Satellit wird es dabei erstmals möglich machen, sogenannte Exoplaneten zu sehen – weil er fotografiert werden kann. Bislang war das nicht möglich. PLATO wird aber nur solche Planeten identifizieren, die in einem erdähnlichen Abstand um ihre Sonne kreisen – und damit potenziell ebenfalls Leben nach menschlichen Vorstellungen enthalten könnten. Dies ist zugegeben eine sehr abstrakte Vorstellung, deshalb ist PLATO ja auch eine wissenschaftliche Mission; sie kratzt aber sehr stark an den Grenzen der menschlichen Vorstellungskraft – und selbstverständlich an den Grenzen des technisch Machbaren. Ich freue mich ungemein, dass wir den Vertrag zu diesem einzigartigen Projekt gemeinsam mit unseren Partnern auf dem IAC öffentlichkeitswirksam unterschreiben werden.

Sehr konkret sind Projekte und Studien, die sich mit den Gefahren aus dem All für die Erde beschäftigen. Dazu zählen Meteoriten und Asteroiden. Die Mission HERA, an der OHB derzeit arbeitet, etwa will am Beispiel des Zwillingsasteroiden „Didymos“ klären, wie stark ein Einschlag sein muss, um das Objekt ausreichend stark abzulenken, sollte er sich auf Kollisionskurs mit der Erde befinden. Dass es zu einer derartigen Situation kommen könnte, ist weit realer, als es sich viele Menschen bewusstmachen. Es gibt nach Schätzungen Millionen von Objekten, die in einer Größenordnung von 5 bis 500 Metern Durchmesser im All herumfliegen und auf Kollisionskurs zur Erde gehen könnten. Wir kennen jedoch nur einen winzigen Bruchteil davon. Deshalb baut unser Tochterunternehmen OHB Italia im Auftrag der ESA ein Teleskop namens „Fly Eye“. Es wird ab 2019 von Sizilien aus das All nach solchen Objekten absuchen. Zusammen mit einer Studie, die prüfen soll, wie Sonnenstürme – sogenanntes „Space Weather“ – besser vorhersagbar sind, arbeitet OHB somit an einer ganzen Reihe von Projekten, die man unter die Überschrift setzen kann: Wir sorgen dafür, dass die Erde in Zukunft besser geschützt wird.

Alles in allem bin ich sehr überzeugt davon, dass wir auf dem diesjährigen IAC wertvolle neue Erkenntnisse darüber gewinnen werden, wohin die Raumfahrt sich entwickeln wird, welche neue Technologien wir dafür einsetzen wollen und welche Ziele wir künftig für neue Missionen ansteuern wollen. Vieles davon werden wir beim nächsten IAC im Jahr 2019 vertiefen, der dann in Washington stattfinden wird – zum 50. Jubiläum der Mondlandung.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.