Eine Kolumne von Marco Fuchs: Gedanken über Zeit und Raum

Alle Beteiligten müssen einen Beitrag leisten, um die Krise zu meistern

28. April 2020. Eine „Zumutung für die Demokratie“ hat Bundeskanzlerin Angela Merkel kürzlich in ihrer Regierungserklärung die Corona-Pandemie genannt. Das ist eine sehr treffende Beschreibung dessen, was wir alle gerade erleben und vor allem aushalten müssen. Der sogenannte Lockdown zwingt Wirtschaft und Gesellschaft zu Einschränkungen von elementaren Freiheitsrechten, die in Friedenszeiten beispiellos sind. Jeder Einzelne kann sicher viele Geschichten aus seinem Umfeld sowie aus dem seiner Freunde und Bekannten erzählen, die belegen, welch ungeheure Mühen der Kampf gegen das Virus erfordert.

Kultureller und wirtschaftlicher Stillstand

Die Pandemie zwingt Institutionen wie Kirchen und Glaubensgemeinschaften sowie Einrichtungen aus Kunst und Kultur ihre Aktivitäten einzustellen; besonders fatal in diesen Zeiten, weil es für viele Menschen genau diese Organisationen sind, die Abwechslung und Freude in manch schwierigen Alltag bringen. Sporteinrichtungen, Schulen und Kitas sind geschlossen – auch das ist eine schwere Belastung für Familien. Wir werden erst nach der Krise erfahren, welche Auswirkungen dieser millionenfache Zwang zum Rückzug ins Private auf die Gesellschaft und auf den Umgang der Menschen miteinander haben wird.

Es liegt mir fern zu bewerten, wer wie schlimm betroffen ist, ich kann nur als Unternehmer sprechen und sehe als solcher, dass es auch die Wirtschaft in ihrer ganzen Vielfalt und Breite trifft: Alle Firmen, die mit Reisen, Hotels und Gaststätten, Mobilität, Events, Handel, Kunst und Kultur zu tun haben, sind in dramatischer Weise betroffen. Dass in Deutschland mal die Automobilbranche zum Stillstand kommt, hätte ich mir nie vorstellen können. In der Luftfahrtindustrie und der Luftverkehrswirtschaft bangen etliche Unternehmen ums Überleben. Für OHB ist es deshalb ein großes Glück, dass wir zur Raumfahrtindustrie gehören. In dieser Branche müssen wir nicht um unsere Existenz fürchten. Noch nicht.

Auswirkungen auf die Raumfahrtindustrie

Die Raumfahrtunternehmen haben den Vorteil, dass es sich bei ihren Projekten in der Regel um sehr langlaufende Aufträge handelt; wir sind auch nicht so stark an eine industriell geprägte Just-in-Time-Lieferkette gebunden. Aber machen wir uns nichts vor: Auch der Einäugige unter den Blinden ist immer noch beeinträchtigt. Auch in unseren Unternehmen wird es zu Verzögerungen durch Lieferengpässe kommen. Und auch bei uns sind Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter durch den Spagat zwischen Kinderbetreuung und Arbeit im Home Office an der Belastungsgrenze. Wir bereiten uns deshalb darauf vor, das Instrument der Kurzarbeit einsetzen zu müssen. An unserem besonders von Corona betroffenen Standort Mailand tun wir das bereits seit einiger Zeit. Und ich will nicht ausschließen, dass es auch an anderen Standorten der OHB-Gruppe dazu kommen könnte.

Als professionell aufgestellte Organisation haben wir unser Krisenmanagement selbstverständlich auf verschiedene Szenarien ausgerichtet. Wir haben ein sehr gut ausbalanciertes System etabliert, mit dem wir in allen Bereichen des Unternehmens schnell mögliche Unterauslastungen erkennen können. Bislang hat uns das sehr gut dabei geholfen, sowohl die Produktivität als auch die Motivation in der Firma hochzuhalten. Was mich ganz besonders freut, ist, dass dies auch von unseren Kunden honoriert wird. Die Botschaft lautet also: Bislang haben wir die Krise im Rahmen der Möglichkeiten gut bewältigt. Doch genauso bekannt ist: Deutschland befindet sich wie viele andere Länder erst am Anfang der Pandemie. Niemand ist derzeit in der Lage vorherzusagen, wie lange die Krise noch dauern wird.

Deshalb haben Vorstand und Aufsichtsrat der OHB SE der Hauptversammlung empfohlen, in diesem Jahr darauf zu verzichten, eine Dividende auszuschütten. Die Summe der geplanten Dividende – ca. EUR 7,5 Mio. – werden wir stattdessen im Unternehmen belassen, um besser und flexibel auf krisenhafte Szenarien reagieren zu können. Sie verschafft uns auch zusätzlichen Handlungsspielraum, um das zu sichern, was das höchste Gut bei OHB darstellt: das Knowhow unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass in diesen Zeiten alle Beteiligten einen Beitrag leisten müssen, um die Krise gemeinsam zu überstehen. Aus heutiger Sicht meint „Überstehen“, dass OHB mit annähernd gleicher Stärke, Größe und Substanz am Markt bestehen bleibt. Das ist unser gemeinsames Ziel, das schließt die Belegschaft, die Vorstände und die Aufsichtsräte ein und dafür müssen wir alle fokussiert, effizient und vor allem klug vorausschauend weiterarbeiten.

Raumfahrt ist eine europäisch vernetzte Branche

Natürlich kann ich nicht versprechen, dass es sich so entwickelt. Das kann niemand. Dafür schreiten die Dinge viel zu dynamisch voran. Es ist schon schwer genug, von Woche zu Woche zu planen. Viel wird auch davon abhängen, wie schnell die südeuropäischen Länder Spanien und Italien aber auch Frankreich ihre Volkswirtschaften wieder in Gang bringen und wie schnell die Lieferketten wieder stehen. Wenn dies bis zum Sommer geschieht, bin ich zuversichtlich, dass auch die deutsche Raumfahrtindustrie ohne gravierende Dellen durchs Jahr kommt. Die Raumfahrt ist eine europäisch vernetzte Branche, darauf sind wir in Nicht-Krisen-Zeiten stolz und dies werden wir auch zukünftig wieder sein können. Deshalb gehört es jetzt auch ein Stück weit zur Solidarität, die in den südlichen Partnerländern viel härteren Auswirkungen der Krise zu akzeptieren und den Kolleginnen und Kollegen in Italien, Frankreich und Spanien Zuversicht und Zuspruch zu spenden.

Stabilisierung von Unternehmen durch Aufträge

Doch wir sollten uns auch da nichts vormachen: Es wird bei den meisten Unternehmen nicht ohne Unterstützung durch den Staat gehen. Und da spreche ich nicht über das Kurzarbeitergeld oder sonstige Subventionsmaßnahmen. Vielmehr wird es darum gehen, den Wiederaufbau zu unterstützen, dabei technologisches Knowhow in Europa zu halten und wichtige Arbeitsplätze zu sichern und nicht nur den Staaten Europas, sondern auch den Bürgerinnen und Bürgern größtmöglichen Nutzen aus der Raumfahrt zu stiften. Raumfahrtprogramme aus dem Bereich Navigation (Galileo) und Erdbeobachtung (Copernicus) sind dafür optimal geeignet und da die meisten einzelnen Instrumente dieser Programme bereits definiert sind, gilt es jetzt, diese möglichst schnell mit den bereitstehenden Mitteln der ESA und der EU weiter zu entwickeln und in Gang zu bringen.


Zur Person

Marco Fuchs (Jahrgang 1962) studierte Rechtswissenschaften in Berlin, Hamburg und New York. Von 1992 bis 1995 arbeitete er als Anwalt in New York und Frankfurt am Main. 1995 trat er in das Unternehmen OHB ein, das seine Eltern aufgebaut hatten. Seit dem Jahr 2000 ist er Vorstandsvorsitzender der jetzigen OHB SE und seit 2011 der OHB System AG. Marco Fuchs ist verheiratet und hat zwei Kinder.