Rocket Factory Augsburg:

Wo Tut Funken sprüht

Beim jüngsten OHB-Start-up trifft erstklassiges Engineering auf Silicon-Valley-Denkweise

Knapp 60 Personen arbeiten derzeit beim 2018 gegründeten Start-up Rocket Factory Augsburg an einem Mini-Launcher-Konzept, das bald das OHB-Portfolio ergänzen soll. Sie sind jung: Altersdurchschnitt 31. Sie sind divers: 18 Nationalitäten. Sie sind vom Fach: alle für den Raketenbau und die Mission benötigten technischen Disziplinen sind vorhanden. Sie haben ein Ziel: einen kostengünstigen Mini-Launcher auf den Markt zu bringen.

Dank „New-Space-Denke“ und „Silicon-Valley-Approach“ soll das auch vergleichsweise schnell gehen. Ende 2021 wollen sie ihren Mini-Launcher zum ersten Mal in den Weltraum bringen. Fünf Jahre später wollen sie zwischen zehn und 20 Starts pro Jahr durchführen. Neben Passagieren aus der OHB-Gruppe möchten sie auch für externe Kunden Nutzlasten der 200-kg-Klasse starten. In allen Aspekten ihrer Arbeit agieren sie so, wie ihr Mini-Launcher einmal sein soll: flexibel und kostengünstig.

Tut sprüht Funken!

Tut Baldock sprüht im wahrsten Sinne des Wortes Funken, wenn sie im großen 3D-Drucker ihre Pulvermischung in hochpräzise Triebwerkelemente wandelt. Durch das Sichtfenster kann man dem wunderkerzengleichen Tanz der Funken und dem steten Wachstum des Werkstücks zusehen.

In der Raumfahrtindustrie zu arbeiten war allerdings kein Kindheitstraum. Letztendlich war es ihre Leidenschaft für den 3D-Druck, die sie zum Raketenbau gebracht hat. Aufgewachsen ist Tut auf einer Farm in Neuseeland mit jeder Menge Kühen und Pferden. Sie war viel draußen in der Natur und hat auf der Farm mitgeholfen – ein Leben als Farmerin war durchaus denkbar. Als das additive Fertigungsverfahren mittels 3D-Druck aufkam, hat sie früh damit experimentiert und alles Mögliche aus Plastik gedruckt. Im „Engineering and Physics“-Studium (Ingenieurwesen und Physik) hat sie sich weiterhin intensiv damit beschäftigt. Auch im Masterstudiengang drehte sich alles um physikalische Messtechnik, Laser und Materialwissenschaften. Sie ist überzeugt, dass der 3D-Druck auch im Raketenbau vorteilhaft ist: „Mir gefällt, dass wir im Gegensatz zu traditionellen Fertigungsverfahren, bei denen mit einem Block angefangen wird, von dem alles entfernt wird, was nicht gebraucht wird, beim 3D-Druck nur ganz wenig Abfall produzieren. Kein Wunder, denn wir fangen mit nichts als einem Pulver an! Außerdem ist die additive Fertigung kostengünstiger und auch viel schneller. Der größte Vorteil liegt aber ganz klar darin, dass wir im 3D-Druck sehr komplexe Formen herstellen können, die bislang zwar denkbar, aber leider nicht realisierbar waren.“

Für ihre 27 Jahre hat Tut schon ungewöhnlich viel Erfahrung mit additiver Fertigung von Raketenbauteilen sammeln können. In ihren zweieinhalb Jahren beim US-Unternehmen Rocket Lab in Auckland, Neuseeland, hat Tut insgesamt wohl an die 150 Triebwerke gefertigt. Damit wurden acht Raketen bestückt, der Rest diente Testzwecken. In ihrer Zeit bei Rocket Lab hat Tut bei zwei Starts der Electron-Rakete mitgefiebert. „Es gibt nichts, was mit einem allerersten Raketenstart vergleichbar ist und ich freue mich schon auf unseren Erstflug“, der, wenn es nach ihr geht, gerne in Deutschland stattfinden kann. „Made, built and launched in Germany“, das würde der Neuseeländerin gefallen, auch wenn es ziemlich unwahrscheinlich ist.

Mit Dienstantritt bei der Rocket Factory Augsburg im April 2019 übernahm Tut die Verantwortung für die Fertigung der Brennkammer samt Düsenhals des Raketentriebwerks. Sie spricht begeistert von „the chamber“ und „the throat“ und von den „wichtigsten Elementen im Raketenbau überhaupt“, denn genau hier entstünde ja die Verbrennung, die den Schub erzeugt. Die Augsburger planen derzeit mit identischen Triebwerken auf allen Stufen des Trägers – sind aber offen für neue Konzepte, sollten diese sich nachweislich bewähren.

Testen gehört auch bei der Rocket Factory zum Alltag der Ingenieurin. „Ich habe verschiedene Kupfer-Pulvermischungen ausprobiert. Kupfer hat gute thermische Leiteigenschaften und hat auch die für unsere Zwecke optimale Festigkeit. Es gibt Kupferlegierungen auch in Pulverform zu kaufen, und damit haben wir ursprünglich angefangen.“ Sie kann und muss neben dem Ausgangsmaterial aber auch die Parameter Gaszufuhr, Laser, Design und Nachbearbeitung des fertigen Werkstücks berücksichtigen und viele Testdurchläufe machen, um den optimalen Fertigungsprozess festlegen zu können – wie gut, dass Tut ganz offensichtlich eine ausgesprochene Leidenschaft für Physik, Messtechnik und Materialwissenschaften hat!

„Was ich hier bei der Rocket Factory so toll finde ist, dass ich auch beim Design des Triebwerks mitwirken kann. Ich werde mit einbezogen und kann meine Erfahrungen einbringen und beratend tätig sein – das gefällt mir gut, denn so fühle ich mich als Teil des Ganzen“, so Tut, die mit ihrem großen 3D-Drucker in einem separaten Raum in der großen Werkhalle des Augsburger Technologiezentrums untergebracht ist. „Meine Kollegen entwerfen das Bauteil so, dass es funktioniert und ich greife wenn nötig ein, damit es herstellbar wird.“

Weil bei der Rocket Factory aufgrund der internationalen Belegschaft Englisch die Arbeitssprache ist, und man gerne auch außerhalb der Arbeitszeit gemeinsam Zeit verbringt, spricht Tut noch nicht viel Deutsch. Das will sie aber ändern, denn die schöne Landschaft, die Seen, Städte und Berge wollen erkundet werden. Dass das hier so einfach ist, man steigt in einen Zug und fährt mal kurz hin, möchte sie auf jeden Fall nutzen. Sie erinnert sich an ihren Entschluss, von Auckland nach Augsburg zu übersiedeln und beruflich eine neue Heimat zu suchen: „Der Kontakt zu ein paar Leuten, mit denen ich zuvor bei Rocket Lab gearbeitet habe, riss nicht ab. So erfuhr ich, dass sie bei der Rocket Factory Augsburg kurz davor waren, einen 3D-Drucker zu kaufen. Das klang toll, noch toller klang die Tatsache, dass es noch keinen dazugehörigen Operator gab… Ich dachte mir: Das kenne ich und das kann ich auch und das würde doch Sinn machen! Dann war es für mich eine einfache Entscheidung… auch wenn ich dafür auf einen anderen Kontinent musste.“ Von ihrer Familie war noch nie jemand in Europa, der erste Besuch bei der Tochter beziehungsweise Schwester in Bayern steht noch aus. Mit ihrem Freund, der nach wie vor in Neuseeland arbeitet und ihre Entscheidung ausdrücklich unterstützt, trifft sie sich auf halber Strecke in Mexiko. Bereut hat Tut diesen großen Schritt nach eigener Auskunft noch an keinem Tag. Eventuell liegt es auch an der Wertschätzung, die ihr bei der Rocket Factory Augsburg entgegengebracht wird: “Hier habe ich viel Verantwortung und ich werde für mein Können und meine Meinung anerkannt.”

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