Zurück in die Zukunft

Interview mit Dr. Fritz Merkle

OHB Redaktionsteam
Veröffentlicht am
von OHB Redaktionsteam, OHB SE

OHB hat den Ansatz des New Space schon vor über 20 Jahren verfolgt. Mit dem Konzept, Satelliten in deutlich verkleinerter Bauweise für Konstellationen zu bauen, hatte sie ihren großen Durchbruch. Dr. Fritz Merkle, bis Juni 2018 Vorstand der OHB SE, erläutert im Gespräch mit OHB-Kommunikationschef Günther Hörbst wo das Unternehmen herkommt und wo die Reise hingeht.

New Space ist in aller Munde. Es hat aber auch mal Old Space gegeben. Wie positioniert sich OHB in dem Spannungsfeld?

Fritz Merkle: New Space ist in den letzten Jahren entstanden, ohne dass es eigentlich Old Space gegeben hat. Aber welche Gedanken liegen dahinter? New Space ist ein sehr anwendungsorientierter Ansatz. Den hatte OHB bereits vor 30 Jahren angewendet, nämlich Satelliten für anwendungsbezogene Themen zu entwickeln. Insofern hat OHB das Prinzip des heutigen New Space schon zu Tagen des Old Space gehabt.

Einen Schritt weiter gedacht: Wie muss eine Firma wie OHB dabei das Alte bewahren und erhalten, jedoch das Neue gleichzeitig in Angriff nehmen?

Das ist die Herausforderung, vor der wir stehen. OHB hat den Ansatz des New Space schon vor über 20 Jahren propagiert, indem eben Satelliten in deutlich verkleinerter Bauweise für Konstellationen gebaut werden. Dies stellt für die klassischen Satelliten eine Herausforderung dar, vor allem für die großen institutionellen Satelliten in der Kommunikation, Telekommunikation und Navigation. Für diese kleineren, sogenannten Mikrosatelliten werden neue Technologien, neue Materialien entwickelt. Das hat natürlich auf die klassischen Satelliten eine enorme Auswirkung.

Raumfahrt wird immer kommerzieller. Das Kerngeschäft von OHB ist aber nach wie vor stark von institutionellen Aufträgen abhängig. Wie kann die Firma von bei den Entwicklungen weiter profitieren?

Raumfahrt ist entstanden als institutionelles Geschäft, finanziert im Grunde von Steuergeldern. Aber mit den Anwendungen sind Technologien entstanden, die im Alltag nutzbar sind. Etwa in der Kommunikation gibt es da eine starke Veränderung. Hier liegt für OHB in den kommenden Jahren die große Herausforderung. Wir müssen an dieser Entwicklung stärker teilhaben. Derzeit liegen wir bei etwa 75 Prozent institutionellem Anteil. Da wird es eine Verschiebung geben und OHB wird daran arbeiten, von dieser Verschiebung zu profitieren.

Welche Schwerpunkte verfolgt OHB in dem Bereich?

Wir schauen uns intensiv kleine Satelliten an, die vom Konzept her unsere großen Satelliten ergänzen und komplementieren. Weil sich kleine Satelliten in kleineren Arbeitsgruppen besser realisierenlassen als große, liegt dort unser Schwerpunkt vor allem in den Tochterunternehmen in Luxemburg, Schweden und Italien.

Welche Beispiele gibt es dafür?

Etwa Triton-X in Luxemburg, der in drei verschiedenen Größen entwickelt wird. Oder der Innosat in Schweden. Aber auch der Eaglet in Italien gehört dazu, ein auf dem Cubesat-Konzept basierender Satellit, also im Maß 10 auf 10 auf 30 Zentimeter.

Wozu wird Eaglet eingesetzt?

Dieser Satellit wird für Erdbeobachtung eingesetzt, mit etwas geringerer Auflösung zwar, aber mit dem Maximum dessen, was physikalisch mit einem Satelliten dieser Größe möglich ist. Solche Satelliten ergänzen die Produktpalette, die wir etwa mit EnMap oder Erdbeobachtung anbieten.

Welche Rolle spielen die großen Programme in dieser Strategie?

Sie bilden den Kern der Satelliteninfrastruktur, das heißt, zuverlässig Zeitsignale, Navigationssignale und Bilder zur Verfügung zu stellen. Hier können keine Kompromisse eingegangen werden. Alles, was hoheitliche Zuständigkeit betrifft, muss zuverlässig und vor allem sicher und geschützt sein. Ansätze des New Space sind da etwas schwieriger zu implementieren. Sie ergänzen aber diese Kernelemente in der Beobachtung, Kommunikation, Navigation.

Wie schnell will OHB die Ansätze des New Space in die Firmenstrategie integrieren und vor allem als Geschäftsmodelle nutzen?

Wir haben uns entschieden, uns im Bereich Dienstleistungen/Services stärker zu engagieren. Wir bieten heute schon Satellitenbetriebsdienste an, wir haben Satellitenstartdienste. Diese haben wir bislang aber nicht als eigenes Geschäftsfeld gesehen. Durch mehr Kommerzialisierung und Privatisierung in der Raumfahrt werden wir das als eigenständiges Feld weiterbetreiben, um Wachstum zu generieren. Dazu müssen wir aber keine eigenen Satelliten starten. Ziel ist es, dies als Dienstleistung für die Raumfahrtcommunity anzubieten. Dafür haben wir erst kürzlich die OHB Satellitenbetrieb GmbH gegründet.

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Liegt das auch daran, dass man Raumfahrt heute viel mehr über einen Nutzen für die Menschheit erklären muss, worüber dann Dienstleistungen abgeleitet werden?

So ist es. Historisch ist die Raumfahrt gewachsen durch den Ost-West-Konflikt. Man wollte Macht damit demonstrieren. In der Kommunikation begann die Entwicklung als reine Notwendigkeit für die Verteidigung, dann wurde es kommerzialisiert und heute sieht man auf allen Hausdächern Satellitenschüsseln, die Radio- und Fernsehsignale aus dem All empfangen. Das ist zu einer nicht mehr verzichtbaren Infrastruktur unserer Kommunikationsgesellschaft geworden. Dasselbe gilt für Navigation, die ursprünglich ein rein militärisches System war. Heute ist der Treiber von Navigationssystemen der zivile Nutzen. Es sind Elemente, die nicht mehr herauslösbar aus dem modernen Wirtschaftssystem sind.

Ist es aus Sicht von OHB in der Öffentlichkeit ausreichend bekannt, wie unverzichtbar Raumfahrttechnologie für das tägliche Leben geworden ist?

In der breiten Öffentlichkeit sicher nicht. Raumfahrt wird immer noch als etwas im Prinzip Verzichtbares gesehen. Man kann es machen, wenn man genug Geld hat, sonst nicht. Da ist in den Köpfen der Menschen noch das Bild von Reisen zu fernen Planeten. In diesem Sektor, der die menschliche Neugier an der Exploration befriedigt, sind Kompromisse in Zeiten knapper Kassen möglich. Aber wenn es die für das Funktionieren des täglichen Lebens notwendige Infrastruktur betrifft, ist Satellitentechnologie unverzichtbar. Dazu gehören Bereiche wie Erdbeobachtung, Navigation, Kommunikation, das Synchronisieren von Zeiten im globalen Finanzsystem.

Wie sehr hilft dabei das, was Elon Musk macht?

Ich finde es gut, was er macht. Er fordert damit eben auch eine Industrie heraus, die überwiegend für staatliche Auftraggeber arbeitet, sich auf eine deutlich wirtschaftlichere Basis auszurichten. Insofern ist er einer, der durch seine Vorgehensweise einen Druck und einen Sog auf die anderen ausübt. Der Druck besteht jedoch gleichermaßen: auf die Wettbewerber und auf die staatlichen Auftraggeber.

Es gibt Elon Musk und Jeff Bezos in den USA, es gibt Richard Branson in Großbritannien. Wieso gibt es solche New-Space-Macher nicht in Deutschland?

Musk und Bezos sind eigentlich Kinder des Silicon Valley, sie sind mit dem Internet groß und reich geworden. Branson ist Engländer, er hat den Einstieg über seine Fluglinie gefunden, die er mit der Idee des Flugs in den Weltraum für jedermann ergänzen möchte. Ein weiterer, Greg Wyler mit One Web, folgt auch der Denkweise des Silicon Valley, es benötigt das Umfeld von Start-ups und risikobereiten Investoren sowie Forschungseinrichtungen. Diese Kombination ist ein idealer Nährboden für die Ansätze des New Space. Niemand weiß, wie lange das andauert. Aber selbst in den USA ist diese Denkweise nicht überall verbreitet, sie ist vor allem in Kalifornien vorhanden.

Das wird also noch eine Weile eine Sache des Silicon Valley bleiben. Glauben Sie denn, dass in Europa überhaupt jemals eine von Milliardären getriebene, mehr kommerziell ausgerichtete Raumfahrt betrieben wird?

Ich bin überzeugt, dass in Europa eine eigene Form davon entstehen wird. Es wäre falsch, das kalifornische Modell auf Europa zu übertragen. Es sind andere Rahmenbedingungen und andere Mentalitäten vorhanden. Wir müssen schauen, was übertragbar ist, und kreativ sehen, was für uns möglich ist, eigene Ansätze zu finden.

Dr. Fritz Merkle, bis Juni 2018 Vorstand OHB SE, über die Zukunft von OHB:


Zur Person

Dr. Fritz Merkle, Jahrgang 1950, von 2014 bis Juni 2018 Vorstandsmitglied der OHB SE und von 2006 bis Juni 2018 Vorstandsmitglied der OHB System AG. Dr. Merkle hat an der Universität Heidelberg in Physik promoviert. 1993-2000 war er als Vize-Präsident von Carl Zeiss Oberkochen und der Carl Zeiss Jena GmbH tätig. Er war zudem Mitglied der Geschäftsführung der Carl Zeiss Group. Dr. Merkle ist Mitglied des Senats des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt DLR und Verwaltungsratsmitglied der Max-Planck- und Fraunhofer-Institute.