Spacetalks bei OHB befassen sich mit Gefahren aus dem Weltraum

Expertenrunde ist sich einig: Europa hat Verantwortung und Fähigkeiten

OHB Redaktionsteam
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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

Die Bedrohungen aus dem Weltraum sind allgegenwärtig – Weltraumschrott, Weltraumwetter und Asteroiden tummeln sich um die Erde und kommen dieser und im Orbit befindlicher Satelliten auch mal gefährlich nah. „Wir müssen jetzt damit anfangen, zu handeln“, sagt Marc Scheper, Leiter der Abteilungen Raumtransport, robotische Missionen & Exploration und zeigt damit die Dringlichkeit auf, mit der sich die Raumfahrtnationen dem Thema Gefahren aus dem Weltraum widmen müssen. Grund genug, die Bremer Folge der #Spacetalks Reihe der Europäischen Weltraumorganisation ESA diesem Thema zu widmen. Welche Missionen sich aktuell mit der Abwehr und Erforschung dieser Bedrohungen befassen, dazu sprachen und diskutierten heute der ehemalige ESA-Astronaut Thomas Reiter, Chiara Manfletti (ESA-Programme Advisor to the Director General), Marc Scheper, Moderator Dr. Timo Stuffler (Leitung Business Development OHB) und ein raumfahrtinteressiertes Publikum bei den #Spacetalks in der OHB-Firmenzentrale in Bremen.

Gefahren aus dem Weltraum gibt es viele – eine Einordnung

„Um uns herum ist ganz schön viel los“, sagt Marc Scheper zu Beginn seines Vortrages. Und es folgt eine gelungene Auflistung dieser Geschäftigkeit im All.

Da haben wir zunächst den Weltraumschrott. „Das sind unter anderem Überbleibsel von ausgedienten Satelliten, Oberstufenreste oder die Werkzeugtasche, die ein Astronaut verloren hat“, listet Marc Scheper auf. Das Gefährliche daran: In den niedrigen Erdumlaufbahnen kann der „Weltraumschrott“ eine besonders hohe Geschwindigkeit von bis zu 10 Kilometern pro Sekunde annehmen und schon ein Partikel von einem Millimeter Durchmesser kann die Struktur dort befindlicher Satelliten ernsthaft beschädigen.

Und nun zum Wetter …! Genauer gesagt, Weltraumwetter! „Space Weather Effects“, also Weltraum-Wetterphänomene im All, sind nicht nur eine Bedrohung für Satelliten, sondern auch für die Infrastruktur auf der Erde. Sonnenaktivitäten wie Sonnenstürme haben auf der Erde schon für Stromausfälle gesorgt und ganze Städte lahm gelegt. 1989 löste ein Sonnensturm einen Stromausfall in Kanada aus, 6 Millionen Menschen waren ohne Strom. Die Erde ist vor allem durch ihr Magnetfeld vor der (nicht-sichtbaren) Strahlung der Sonne geschützt. Bei intensiverer Sonnenaktivität gibt es dennoch Ausfälle von empfindlicher Elektronik, sowohl auf der Erde als auch bei Satelliten, bis hin zu Total-Ausfällen. Auf der Erde sind besonders Funkverkehr, Navigationssysteme und Kommunikations- und Energie-Netze gefährdet. Marc Schepers Fazit: Wir brauchen also den Weltraumwetterbericht!

Mit der Studie „Lagrange-Mission“, im Auftrag der ESA, führt OHB die Untersuchungen für eine Mission zum „Lagrange-Punkt 5“ an. Dieser liegt 60 Grad hinter der Erde und gilt trotz seiner gewaltigen Entfernung von rund 150 Mio. Kilometern als besonders stabil, so dass dort Raumsonden scheinbar „verharren“ können. Vom Lagrange-Punkt aus kann ein Satellit, der die Sonnenaktivität misst, die bei den Space Weather Effects im Fokus steht, frühzeitig warnen. Ziel der ESA ist es somit, in Zusammenarbeit mit der NASA, eine Satellitenkonstruktion zur Beobachtung der Sonne aufzubauen. OHB arbeitet jetzt daran, neben der Studie, auch den Auftrag für den Satelliten zu erhalten.

Und natürlich gibt es die Gefahr vor Asteroideneinschlägen. Diese Bedrohung ist der Menschheit nicht zuletzt seit dem Bruce Willis Klassiker „Armageddon“ bekannt. 

Gefahr erkannt, Gefahr gebannt?

Fast! „Bevor wir was vorbereiten können, müssen wir den Asteroiden erstmal finden“, so Scheper. Denn die Frage sei nicht, ob der Erde ein Asteroid gefährlich nah kommt, sondern wann. Raumfahrtexperten diskutieren in diesem Zusammenhang drei Möglichkeiten der Abwehr:

  • den kinetischen Impaktor: Eine Sonde trifft mit hoher Geschwindigkeit auf den Asteroiden und lenkt ihn von seiner Bahn ab
  • Gravitations-Traktor: Eine Sonde beeinflusst durch die gegenseitige Gravitation die Bahn des Asteroiden
  • Und natürlich die „Nukleare Bombe“ à la Bruce Willis, die den Asteroiden zerstört. Dumm nur: „Dann haben wir unzählige Fragmente des Asteroiden im All schweben, die wiederum Schaden anrichten können.
     

Keine dieser Methoden wurde bisher ernsthaft erprobt, schließt Marc Scheper seinen Vortrag. Der kinetische Faktor gelte aktuell als die praktikabelste Lösung. Mehr zu den Missionen, an denen OHB beteiligt ist, lesen Sie in unserem Artikel Warum es jetzt wichtig ist, Asteroiden zu erforschen.

Die Bedeutung von OHB bei der Erforschung dieser Himmelskörper erwähnte auch der ehemalige ESA-Astronaut Thomas Reiter, der sowohl auf der russischen Raumstation MIR als auch auf der ISS für Missionen tätig war. Das Fly-Eye Teleskop, das aktuell von der OHB-Tochterfirma OHB Italia gebaut wird, ermögliche durch einen Öffnungswinkel von 7 Grad, den Himmel genauesten abzuscannen und nach bedrohlichen Objekten zu suchen. In seinem Vortrag wagte er zudem einen Blick in die Glaskugel: „Ich bin mir sicher, dass wir bis 2030 erleben, dass sich Menschen wieder auf dem Mond bewegen.“

Neben den beiden Vortragenden ergänzten Dr. Lutz Bertling, Vorstandsmitglied OHB SE, Chiara Manfletti (ESA-Programme Advisor to the Director General) und Moderator Dr. Timo Stuffler das Diskussions-Panel. Höchst optimistisch zeigte sich Chiara Manfletti „Wir laden alle 22 Mitgliedsstaaten zur nächsten ESA-Ministerratskonferenz in 2019 ein und dann kommen die zukunftsweisenden Programme auf den Tisch.“ Deutschland habe alle Fähigkeiten „elementare Daseinsfürsorge“ zu leisten, ergänzte Dr. Lutz Bertling: „Deutschland muss seinen Anteil zum Schutz der Erde vor Gefahren aus dem All, wie etwa Asteroiden, leisten. So wie man sich hier im Norden mit Deichen vor Überflutungen schützt, muss man sich auch dafür wappnen. Das gehört zur Daseinsvorsorge." „Wir brauchen ein einiges Europa und eine starke ESA, um uns international durchsetzen zu können.“ Es ginge auch um die Frage, wie man Länder wie China und Indien einbinden kann, so Reiter. Das Panel war sich einig: eine starke ESA sei die Voraussetzung für Missionen zur Gefahrenabwehr aus dem All. „Und wir müssen heute damit anfangen.“

Den Spacetalk in Bremen können Sie auf unserem YouTube Channel ansehen.