OHB in Zeiten von Corona

Ein Interview zur aktuellen Situation bei der MT Aerospace AG

OHB Redaktionsteam
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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

Die erste bestätigte Infektion mit dem Corona-Virus wurde bei der MT Aerospace AG in Augsburg Ende März bekannt. Kurz darauf gab es weitere Fälle. Das früh einsetzende Corona-Krisenmanagement, das besonnene, verantwortungsvolle Agieren der Belegschaft und eine zweiwöchige Betriebsschließung haben Wirkung gezeigt: Bislang gab es keine weiteren bekannten Corona-Fälle in der Belegschaft.

Dies haben wir zum Anlass genommen, um bei zwei Mitgliedern des MT-Corona-Krisenstabs nachzufragen: Beim Leiter des Krisenstabs, Johannes Haberer, Director Operations, und seit Januar 2017 im Unternehmen. Und bei Johannes Breitenbach, der als Assistent von Herrn Steininger und als Verantwortlicher für die Unternehmenskommunikation im Krisenstab ist.

Wann haben Sie vom ersten bestätigten Corona-Fall bei der MT erfahren, Herr Haberer?
Das war am 27. März 2020, ein Freitag. Über das Wochenende haben wir dann Gewissheit erlangt, dass es an unserem Standort drei weitere Fälle von bestätigten Infektionen gab.

Was waren Ihre ersten Gedanken, Herr Breitenbach?
Uns hat das ja nicht überraschend getroffen, denn Bayern war zu dem Zeitpunkt schon länger in den Schlagzeilen. Außerdem war unser Corona-Krisenstab längst eingerichtet und hatte die entsprechenden Konzepte und Vorgehensweisen ausgearbeitet und parat. Wir haben sozusagen gemäß Protokoll handeln können, was in Ausnahmesituationen immer hilfreich ist. So konnten wir mit der Identifikation möglicher Kontaktpersonen im Unternehmen unmittelbar nach Bestätigung der Covid19-Infektionen beginnen, auch am Wochenende. Dadurch konnte verhindert werden, dass möglicherweise angesteckte Kolleginnen oder Kollegen am Montag wieder hier auf der Matte stehen und die Infektion verbreiten.

Wie setzt sich der Corona-Krisenstab zusammen?
JH: Wir sind ein Kernteam aus acht Personen aus unterschiedlichen Bereichen: Wir haben weitere Vertreter des Führungskreises und den Betriebsarzt sowie Vertreter von HR, IT, des Betriebsrats und der Arbeitssicherheit in diesem Gremium. Diese Zusammensetzung ist genau richtig und trägt dazu bei, dass wir alle Aspekte abdecken können. Wir sprechen regelmäßig, um über die aktuelle Lage und Infektionsfälle zu beraten - im Bedarfsfall auch außerhalb der regulären Arbeitszeiten. Ich finde wir arbeiten sehr gut und zielführend zusammen. Mittlerweile haben sich die Prozesse etabliert, wir können einheitlich vorgehen. Wir haben sogar ein eigenes Tracking-Tool für alle Fälle aufgebaut…

Ein Tracking-Tool? Etwa eine App?
JH: Nein, unser Tracking-Tool ist eine von uns geführte Übersicht, mit der wir auf den ersten Blick erkennen können, wen wir besonders beobachten müssen, zu wem noch Informationen fehlen und wie die möglichen Infektionsketten verlaufen. Bei unseren ersten vier Fällen Ende März hatten wir tatsächlich Ansteckungen unter den Kollegen und es war Gold wert, schnell überblicken zu können, wie wir weitere Ansteckungen weitestgehend verhindern können. Dafür war natürlich auch sehr wichtig, dass alle Betroffenen vorbildlich reagiert und uns früh informiert haben.

JB: Natürlich basiert das auf einer offenen und vertrauensvollen Kommunikation zwischen den Infizierten bzw. ihren Kontaktpersonen und ihren Vorgesetzten sowie uns als Krisenstab. Selbstverständlich werden wir auch in Zukunft die Anonymität aller möglicherweise oder bestätigt infizierten Kolleginnen und Kollegen wahren!

Stehen Sie im Austausch mit der OHB-Gruppe?
JH: Natürlich sind wir auch beim Thema Corona eng verzahnt mit der ATP in Peißenberg und mit unseren Kolleginnen und Kollegen am Startplatz Kourou in Französisch Guyana. Am Weltraumbahnhof stand für lange Zeit alles still und es gab große Probleme, an Schutzmasken zu kommen. Glücklicherweise haben wir frühzeitig Bestellungen aufgegeben und konnten so unseren Kolleginnen und Kollegen an beiden Standorten mit Masken und zum Teil auch Desinfektionsmittel aushelfen.

JB: Außerdem bin ich regelmäßig mit dem OHB-Krisenstab im Austausch, der von Bremen aus geleitet wird. Das ist sehr hilfreich, da wir mit unseren individuellen Ideen, Prozessen, Maßnahmen und Erfahrungen an den unterschiedlichen Standorten gegenseitig voneinander profitieren können. So verwenden wir mittlerweile ähnliche Prozesse und schauen uns gegenseitig die besten Schutzvorkehrungen ab, tauschen uns aus zur Beschaffung von Schutzausrüstung oder verwenden die Vorlagen des anderen. So können wir unsere Stärken bündeln und Vorhandenes nutzen, statt bei Einzelthemen bei null anfangen zu müssen.

Für welche „handfesten“ Schutzmaßnahmen vor Ort haben Sie gesorgt?
JH: Primär für die Entzerrung der räumlichen Situation in den Büros und in unseren Fertigungshallen, auch durch Umsetzung verstärkter Home Office-Regelungen. In der ersten Phase haben wir die Hygienemaßnahmen massiv ausgeweitet, wie die Verteilung von Desinfektionsmittel an alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, das Aufstellung von lokalen Spendern an neuralgischen Stellen wie z.B. in der Kantine. Apropos Desinfektionsmittel: Um hier unabhängig von Herstellern zu sein, haben wir uns frühzeitig um eine sichere Versorgung mit Nachschub gekümmert: Wir stellen das Desinfektionsmittel selbst her, nach Rezeptur der WHO. Danke an die damit betrauten Kolleginnen und Kollegen!

Herr Breitenbach hat mit Informationskampagnen die Mitarbeiter hinsichtlich unserer Schutzmaßnahmen sensibilisiert, zum Beispiel zum Sicherheitsabstand, zu den Hygienevorgaben oder der großflächigen Umstellung auf Skype-Konferenzen statt physischer Meetings.

Wir haben außerdem die Kantine zeitweise geschlossen und nur mit großen Schutzvorkehrungen wieder geöffnet, die Pausenräume umgestaltet, Schutzmasken besorgt und verteilt, ein Konzept für unsere Dienstfahrzeuge aufgestellt und verfügt, dass enge Aufzüge, Kopierräume und Teeküchen nur einzeln betreten werden dürfen.

Darf ich an dieser Stelle einen kurzen Appell loswerden? Liebe Kolleginnen und Kollegen: Bitte nicht nachlässig oder unvorsichtig werden, auch wenn es jetzt Lockerungen in Bayern und Deutschland gibt. Unverändert sind jetzt neben dem häufigen Händewaschen oder Desinfizieren die Einhaltung des Mindestabstands und beim Arbeiten an Baugruppen auf engem Raum das Tragen von Gesichtsmasken besonders wichtig!

Natürlich werden wir die Lage weiterhin gut beobachten und, wenn nötig, entsprechend reagieren und Sie in Kenntnis setzen. 

JB: Danke an alle MA, die sich vorbildlich verhalten und damit einerseits ein Zeichen setzen, aber auch ganz konkret helfen, dass sich die Gefahr einer Ansteckungswelle unter den Kolleginnen und Kollegen verringert.

Wie halten Sie die Belegschaft auf dem neuesten Stand, Herr Breitenbach?
JB: Wir haben von Anfang an auf eine offene und vor allem zeitnahe Kommunikation gesetzt. Damit alle schnell und unkompliziert informiert werden können, etwa über Entwicklungen oder Entscheidungen von Vorstand und Krisenstab, nutzen wir unser Intranet; in besonders wichtigen Fällen greifen wir auf E-Mails an die Belegschaft zurück. Wir haben aber auch eine eigene Corona-Übersichtsseite eingerichtet, die auch von Privatgeräten aus aufrufbar ist. Dort finden sich übergreifende Informationen, Links und Neuigkeiten zur aktuellen Lage und Beschlüssen, außerdem auch Antworten auf die uns am häufigsten gestellten Fragen. Für die Führungskräfte haben wir ebenfalls Informationen und konkrete Handlungsvorgaben als Leitfaden herausgegeben und halten sie in Skype-Informationsrunden zum Vorgehen in dieser besonderen Situation auf dem Laufenden.

Anfangs herrschte bestimmt auch bei der MT große Verunsicherung in der Belegschaft – hat sich mittlerweile eine gewisse Routine im Umgang mit Corona eingestellt?
JB: Nach wie vor stehen die Führungskräfte ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern als erste Ansprechpartner für Gespräche in Sachen Corona zur Verfügung. Ein wesentliches Element war und ist für mich die Tatsache, dass durch die erleichterten Home Office Regelungen vielen die Möglichkeit geschaffen wurde, von zuhause aus zu arbeiten – und nicht etwa nur denen, die selbst Risikopatienten sind oder aus familiären Gründen (sei es Kinderbetreuung oder Pflege) keine andere Möglichkeit haben. Damit konnte gleichzeitig die räumliche Nähe hier im Betrieb deutlich entzerrt werden. Wir haben zum Schutz der Belegschaft wiederverwendbare Masken bestellt und kostenlos für alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zur Verfügung gestellt. Hier auf dem Gelände sind die Vorschriften zum Tragen der Masken noch nicht so streng, aber wir beobachten die Lage ständig und entscheiden bei Bedarf, ob wir die Regeln lockern können oder anziehen müssen, beispielsweise wenn die Zahl infizierter Kolleginnen und Kollegen in der Firma wieder steigt. Das A und O ist aber der Sicherheitsabstand, das muss jedem klar sein. Kann dieser nicht eingehalten werden, wenn zum Beispiel in der Fertigung auf engstem Raum an Hardware gearbeitet wird, ist die Maske in jedem Fall Pflicht.

Wie stehen Sie als Director Operations zum jetzt stark genutzten Home Office?
JH: Zuerst möchte ich unseren Kolleginnen und Kollegen in der IT ganz herzlich danken! Sie haben die technischen Voraussetzungen für breitflächiges Home Office sehr kurzfristig und effizient geschaffen. Sie haben Notebooks besorgt, Zugänge geschaffen, für die nötige Bandbreite gesorgt und weitere Telefonleitungen installiert. Und sie machen in der Unterstützung der Userinnen und User einen tollen Job! Wir dürfen nicht vergessen, dass Home Office für ganz viele ja komplett neu war.

Erfreulicherweise hat sich Home Office bei uns als gleichwertige Arbeitsweise zur Büroarbeit vor Ort erwiesen und etabliert. Die Belegschaft hat sich als sehr flexibel und effizient arbeitend gezeigt – das bestätigen auch die Führungskräfte. Wir können also sehr zufrieden sein, dass wir mit Home Office in Verbindung von flexibleren Öffnungszeiten und cleverer Schichteinteilung die räumliche Nähe in den Büros und Hallen entzerren können. Mittlerweile hat sich Skype for Business als zentrales digitales Kommunikationsmedium voll etabliert. Natürlich ist Home Office in einem Produktionsbetrieb naturgemäß nicht für alle eine Option. Danke jedenfalls an alle, die von zuhause oder hier vor Ort nach wie vor eine tolle Arbeit machen!

Die Betriebsschließung über die bayerischen Osterferien anzukündigen ist Ihnen bestimmt nicht leicht gefallen …
JB: Eine Betriebsschließung ist natürlich schon eine Maßnahme, die jedem vor Augen führt, dass wir uns in einer potentiell kritischen Situation befinden – für unsere Gesundheit, für unseren Betrieb genau wie für die Wirtschaft im Allgemeinen und für die Gesellschaft insgesamt. Eines ist aber klar: Die Betriebsschließung war wichtig zur Vorbereitung der Kurzarbeit und effektiv, was die Unterbrechung der Infektionsketten anbelangt. Es gab aber auch Kolleginnen und Kollegen, die während der Schließung weiter vor Ort waren, weil sie an kritischen Themen weitergearbeitet oder in wichtigen Funktionen die Stellung gehalten haben. Deshalb möchte ich mich bei denen bedanken, die weitergearbeitet haben - genauso wie bei denen, die daheim geblieben sind. 

Wie stark hängt die MT als Zulieferer für das Ariane-Programm und für die Luftfahrt von Lieferketten ab?
JH: Wir haben unsere Lieferanten kontaktiert, primär, um zu erfahren, mit welchen Lieferungen wir zu welchem Zeitpunkt rechnen können, aber auch, um ein Gefühl zu bekommen, wie robust deren Krisenpläne sind. Wir versuchen jedenfalls, die Einflüsse von Ausfällen durch geschickte Umplanungen so gering wie möglich zu halten.

Wie rüstet sich die MT für den Fall, dass es Corona-bedingt zu weiteren Verschiebungen bei Raketenstarts kommt, oder zu Verzögerungen bei den Aufträgen der Flugzeughersteller? Ist Kurzarbeit ein Thema?
JH: Wir haben uns genau wie viele andere Unternehmen der Luft- und Raumfahrtbranche auf das Instrument der Kurzarbeit vorbereitet. Und zwar intensiv und mit aller gebotenen Umsicht, damit Entlassungen vermieden werden können. Dramatisch ist die Situation im Luftfahrtbereich, wo der Hauptkunde Airbus derzeit wegen der weltweiten Pandemie die Programme zurückfährt. Unser Fertigungsbereich ist damit direkt betroffen und seit Anfang Mai sind wir intensiv in der Umsetzung aller Maßnahmen und melden derzeit Kurzarbeit an.

Auch in anderen Bereichen wird es zu Corona-bedingten Verschiebungen kommen, deshalb kann es auch hier zu Kurzarbeit kommen. Wir haben verschiedene Konzepte mit verschiedenen Stufen vorbereitet, um bei Bedarf das Passende aus der Schublade ziehen zu können. Unser oberstes Ziel ist es, die Belegschaft sicher durch die Krise zu bekommen und gleichzeitig das Unternehmen handlungsfähig zu erhalten.

Welches Fazit ziehen Sie bislang?
JB: Momentan haben wir hier am Standort alle gemeinsam die Lage gut im Griff und hatten keine Neuinfektionen. Sobald aber die Infektionsrate bei uns stark ansteigt, werden Auswirkungen auf den operativen Betrieb und eine Ausweitung unserer Schutzmaßnahmen unvermeidbar. Dann werden sich unsere Prozesse von neuem bewähren und alle Mitarbeiter besonnen und verantwortungsvoll agieren müssen.

JH: Wir müssen uns darauf einstellen, dass uns das Thema Corona mit allen Facetten und Auswirkungen noch länger begleitet. Das gilt nicht nur für unseren Betrieb und unseren Arbeitsalltag, das ist ein Thema, das wirklich jede und jeden angeht – angehen muss. Es ist eine Bewährungsprobe für uns hier und für die Gesellschaft insgesamt.

JB: Das sehe ich genauso. Ich möchte noch ergänzen, dass wir uns nach bestem Wissen und Gewissen vorbereitet haben. Wenn jeder seinen Teil dazu beiträgt, also vernünftig agiert, den anderen ein Vorbild ist und sich an die Vorgaben hält, dann haben wir gute Chancen, dass unsere Belegschaft geschützt bleibt und der Betrieb weiterlaufen kann. Denn darum geht es doch im Grunde: dass alle gesund bleiben und unser Unternehmen gut durch die Krise kommt.

Ein schönes Schlusswort, Herr Breitenbach! Daher geht die letzte Frage an Herrn Haberer: Haben Sie ein Lebensmotto und „trägt“ es Sie auch in der Corona-Krise?
Gesund bleiben - und auch in Krisensituationen den Spaß an der Arbeit nicht verlieren.