Leben auf dem Mond – Zukunftsvision oder Zukunftsfiktion

Über die Machbarkeit, Möglichkeiten und Mythen des Lebens auf dem Mond spricht Dr. Klaus Slenzka, Head of Life Sciences bei OHB, in einem Interview

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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

Wie können Astronauten längere Zeit gesund auf unserem Erdtrabanten leben? Wie können dort Behausungen gebaut werden und wie gewinnen wir Atemluft? Umsetzbar oder alles Science Fiction? Diese Fragen stellen sich Wissenschaftler schon seit Jahren. Über die Machbarkeit, Möglichkeiten und Mythen des Lebens auf dem Mond spricht Dr. Klaus Slenzka, Head of Life Sciences bei OHB, in einem Interview.

Vor 50 Jahren hat das letzte Mal ein Mensch den Mond betreten. Wie können wir uns die Umgebung vorstellen, die die Astronauten der Apollo 11 Mission dort vorfanden?

Klaus Slenzka: Das Besondere ist, dass der Mondstaub sehr fein und extrem scharfkantig ist. Bei den Apollo-Missionen waren die Reißverschlüsse der Raumanzüge nach zweimaliger Bedienung kaputt. Das ist natürlich für das Leben dort ein großes Problem.

Klingt nicht nach einem habitablen Planeten …

Der Mond besteht zu 40 Prozent aus Sauerstoff. Wenn wir diesen Sauerstoff gewinnen könnten, hätten wir zumindest was zum Atmen.

Und wie gewinnen wir den Sauerstoff?

Aktuell wird neben anderen Methoden (Pyrolyse, Methan-Reduktion etc.) an einer Methode mittels Wasserstoff-Reduktion, also der Spaltung von chemischen Verbindung unter Anwendung hoher Temperaturen und Wasserstoff, geforscht. Wendet man dieses Verfahren auf dem Mond an, muss das Mondgestein auf ca. 1200 Grad stark erhitzt und die freiwerdenden Substanzen gebunden werden. 1200 Grad sind dabei noch moderat. Andere Verfahren verlangen 1600, ja sogar über 2000 Grad Celsius. Des Weiteren benötigen wir auch Wasserstoff. Mit diesen Zutaten können wir Wasser generieren und dieses wieder in die chemischen Bestandteile Sauerstoff und Wasserstoff mittels Elektrolyse spalten. So gewinnen wir Sauerstoff. Die ESA befasst sich aktuell mit dieser Methode. Unsere Herausforderung ist: Wir müssten den Wasserstoff von der Erde mitbringen. Die Frage ist also: Wie transportieren wir ihn zum Mond?

Gibt es auf dem Mond Ressourcen, die der Mensch für das Leben auf dem Erdtrabanten nutzen kann?

Es gibt Vermutungen, dass Wasser auf dem Mond existiert. In den riesigen Kratern, in der ewigen Dunkelheit könnte Wassereis vorhanden sein. Und damit kommen wir zum nächsten Problem: Dunkelheit, Temperaturen nahe 0 Grad Kelvin, also rund minus 270 Grad Celcius. Welche Maschinen würden unter diesen Bedingungen funktionieren, um mit dem Wassereis zu arbeiten? Und woher kommt die Antriebsenergie? Diese Fragen müssen geklärt werden. Wir haben noch eine riesige technische Herausforderung vor uns. Das dauert sicher noch ein bis zwei Jahrzehnte.   

Gibt es andere Wege, um Sauerstoff zu gewinnen?

Wir in der Abteilung Life Sciences gucken natürlich, was die Biologie bietet. Wir nutzen spezielle Bakterien, Blaualgen und Grünalgen, die die Metalloxide auf dem Mond, vereinfacht ausgedrückt, fressen und spalten können. So gewinnen wir Sauerstoff. Die NASA hat es schon mittels extremophiler Mikroorganismen, das sind Mikroorganismen, die sich extremen Bedingungen anpassen, geschafft, Titan-Eisenoxide in Titan-Eisenverbindungen und Sauerstoff zu spalten. Dieses Vorgehen nennt sich „Biological in-situ resource utilization“, also die Nutzung der Bedingungen, der biologischen Substanzen, vor Ort. Auch hier müssen wir bedenken, dass wir zur Gewinnung von Sauerstoff spezifische Bioreaktoren auf dem Mond benötigen. Das setzt wiederum den Transport von Baumaterial voraus. Auch hier müssen wir uns fragen, woher die Energie kommt. Aber möglich ist es.

Und dann legen sich die Astronauten einen Gemüsegarten zur Selbstversorgung an?

Das ist leider nicht so einfach. Wir wissen, dass der scharfkantige Mondstaub die Wurzelhärchen zerstört. Das gilt es zu verhindern. Wir nutzen hier im Labor Proben, die dem echten Mondstaub nachempfunden sind und haben es geschafft, den Staub zu einem Boden umzugestalten, auf dem wir Pflanzen züchten können. Dazu setzen wir unsere so genannten Communities (Gemeinschaften) aus Bakterien und Grünalgen mit dem Mondstaub zusammen, diese wachsen um die scharfen Partikel herum und wir können einen Boden generieren, auf dem höhere Pflanzen wachsen können.

Ohne Wasser kein Leben. Wie kommen wir an den begehrten Stoff?  

Das wird davon abhängen, wie viel Wasserstoff wir auf den Mond transportieren oder eventuell dort extrahieren können. Ich gehe davon aus, dass wir den Wasserstoff größtenteils zum Mond befördern und diesen zu fast 100% recyceln müssen. Wir benötigen ja Nachschub. Das Schließen des Kreislaufs ist die große Herausforderung. Da muss die Wissenschaft noch einiges leisten.

Woran forscht die Abteilung Life Sciences darüber hinaus?

Wir sind im Bereich des 3D-Biodrucks sehr weit. Mit dem 3D-Biodruck werden aus menschlichem Gewebe wie beispielsweise Stammzellen oder Knorpelgewebe biokompatible Implantate gewonnen.  Das ist absolut ein Zukunftsmarkt im Bereich der regenerativen Medizin und außerdem eine wichtige  Voraussetzung dafür, Explorationen zum Mond und Mars zu realisieren.

Wie real ist es wirklich, dass wir bald dauerhaft auf dem Mond leben können?

Mit „bald“ wird das nichts. Dazu müssen wir noch zu viele, vor allem technische Herausforderungen, wie beispielsweise das Erzeugen von künstlicher Schwerkaft, meistern. Aber eines Tages wird es definitiv mehr als Science Fiction sein. 

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