Das europäische Copernicus-Programm: Die Wächter im All

OHB Redaktionsteam
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von OHB Redaktionsteam, OHB SE

„Was der Mensch heute anstellt“, warnte kürzlich der renommierte Klimaforscher Hans Joachim Schellnhuber vom Postdam-Institut für Klimaforschung, „in diesem Tempo, auf einem überbevölkerten, übernutzten Planeten, gleicht einem kollektiven Suizidversuch.“ Er setzte eine dramatische Warnung hinterher: „Umso wichtiger ist es, die Zwei-Grad-Grenze zu verteidigen. Geben wir die auf, kann es sein, dass das Holozän mit seinen milden Temperaturen bald ferne Vergangenheit ist und wir in einen selbstverstärkenden Treibhauseffekt mit sechs oder acht Grad Erwärmung rutschen.“ Die Zwei-Grad-Grenze ist der wichtigste Beschluss des Pariser Klimagipfels von 2015, bei dem sich die Regierungen von 197 Ländern darauf verständigten, den Anstieg der Erderwärmung auf maximal zwei Grad zu begrenzen.

Um die notwendigen Schritte hin zu diesem Ziel überwachen zu können, sind jedoch geeignete Mess- und Beobachtungssysteme nötig. Systeme wie Copernicus. Der Name steht für das Erdbeobachtungsprogramm der Europäischen Union. Es besteht aus sechs Satellitenfamilien, den sogenannten Sentinels („Wächter“). Sie messen den Zustand unseres Planeten sowohl an der Erdoberfläche als auch in Gewässern und in der Luft. Dazu sammeln sie Daten, mit denen Entwicklung bzw. Zustand des Klimas, der Vegetation, der Böden und der Meere verfolgt werden kann. Mit dem Start von Sentinel-1A im Jahr 2014 begann die Copernicus-Mission; bis 2030 sollen rund 20 Satelliten als Wächter den Zustand der Erde vom All aus beobachten.

Schritt für Schritt zur nächsten Satelliten-Generation

Die EU bereitet derzeit schon die nächste Generation der Sentinel-Familie vor: „Sentinel Expansion“. Und da will OHB eine große Rolle spielen. Die ESA hat den Bremer Raumfahrtkonzern mit insgesamt fünf Studien zu einzelnen Missionen innerhalb des Copernicus-Programms beauftragt. Bei vier der Studien fungiert OHB als Hauptauftragnehmer – und Andreas Lindenthal, Vorstandsmitglied der OHB System AG, rechnet sich gute Chancen aus, dass das Unternehmen am Ende auch den einen oder anderen Zuschlag für den Bau eines Systems erhält. Das Ende der Studienphase wird Mitte 2019 sein. Dann werden Ende 2019 die ersten Ausschreibungen erfolgen, Mitte der 2020er-Jahre sollen die ersten Sentinels der neuen Generation ins All fliegen.

Umweltbeobachtungen genießen inzwischen den gleichen Stellenwert wie Wetterbeobachtung und Navigation

Andreas Lindenthal, Vorstandsmitglied der OHB System AG

Lindenthal nimmt die Herausforderung sportlich: „Umweltbeobachtungen genießen inzwischen den gleichen Stellenwert wie Wetterbeobachtung und Navigation“, sagt er. „Auf beiden Feldern verfügt OHB mit dem Bau der Satelliten für das Navigationssystem Galileo sowie der Wettersatelliten der 3. Generation MTG inzwischen über viel Erfahrung.“

OHB-Satellitenplattform Nucleus

Außerdem hat das Unternehmen für die Copernicus-Mission eigens eine vielseitig anwendbare Plattform entwickelt: „Nucleus“. Lindenthal ist überzeugt, dass eine standardisierte Plattform ein wichtiger Wettbewerbsaspekt sein wird. „Zudem werden wir die Kompetenz und Mitarbeit unserer Tochterunternehmen in Schweden und Italien nutzen können“, sagt er.

Nicht zu vernachlässigen wird auch der Umstand sein, dass Deutschland seit Herbst 2017 als erstes europäisches Land eine nationale Copernicus-Strategie erarbeitet hat. OHB kann dabei als deutsche Raumfahrtfirma punkten. Die deutsche Copernicus-Strategie zielt dabei vor allem darauf ab, die vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Copernicus-Dienste noch weiter zu verbessern – und soll vor allem zum Aufbau weiterer High-Tech-Jobs, der weiteren Förderung von Start-ups und für noch bessere öffentliche Dienstleistungen (Umweltschutz, Landwirtschaft, Sicherheit) sorgen.

Copernicus: Die Erde fest im Blick

Die technologische Herausforderung besteht laut Lindenthal darin, dass es sich bei Copernicus um ein operatives System handelt. Das bedeutet, dass es für die ständige, tägliche Nutzung ausgelegt ist. „Es werden fortlaufend Daten produziert, gesendet, ausgewertet“, sagt Lindenthal. „Das System muss folglich über Wochen, Monate, Jahre einwandfrei und zuverlässig funktionieren.“ Denn das übergeordnete Ziel von Copernicus ist ein politisches: das System soll die Anstrengungen belegen, die vor allem die Europäer in Sachen Klimaschutz an den Tag legen. Anders formuliert: Copernicus dient auch als Spiegel, den sich die Regierungen der Welt vorhalten können, wenn es um die Rettung der Erde geht. Anderseits hilft die Fülle der Daten natürlich auch dabei, falsche Entscheidungen möglicherweise noch rechtzeitig zu korrigieren.

Für Andreas Lindenthal ist das Copernicus-Programm deshalb nicht zuletzt auch ein Beleg für die Nützlichkeit der Raumfahrt. „Satellitentechnologie trägt hier direkt dazu bei, den Zustand der Erde jederzeit und in sehr vielen verschiedenen Feldern erfassen und kontrollieren zu können, um ihn dann möglichst zu verbessern. Das ist im Interesse aller Bürgerinnen und Bürger in Europa und auf der ganzen Welt“, sagt der OHB-Vorstand. Das System müsse man sich im Grunde ganz vereinfacht wie eine Art Schweizer Taschenmesser vorstellen: „In diesem System befinden sich unglaublich viele verschiedene Instrumente“, sagt Lindenthal. „Und dadurch bietet sich ein enormes Potenzial an Anwendungen.“

Das große Potenzial ergibt sich vor allem, weil Copernicus die satellitengestützten Erdbeobachtungsinstrumente mit Datenquellen am Boden, zu Wasser und in der Luft (etwa in Flugzeugen) verknüpft. So ergeben sich sechs verschiedene sogenannte Copernicus-Dienste, die bei der Analyse des Zustands der Erde helfen: Landüberwachung, Überwachung der Meeresumwelt, Überwachung der Atmosphäre, Unterstützung des Katastrophen- und Krisenmanagements, Überwachung des Klimawandels sowie Sicherheit.