Beitrag aus der Frankfurter Allgemeine Zeitung: Ein Satellit für alle Fälle

Bei der Navigation ist Europa schon unabhängig von Amerika - dank Galileo. Es war ein weiter Weg dahin.

Sonntagszeitung, 23.09.2018 - Von Thomas Gutschker
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Die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung berichtet in dem Artikel "Ein Satellit für alle Fälle" vom 23.09.2018 über den langen Weg zu einem europäischen Navigationssystem. Mit Galileo ist Europa unabhängig vom amerikanischen GPS. Aktuell befinden sich 26 Galileo-Satelliten im Weltraum, 22 von ihnen wurden von OHB entwickelt, gebaut und getestet. Zudem wurde OHB mit der Fertigung acht weiterer Galileo-Satelliten von der ESA beauftragt.

Im Frühjahr 1999 trugen sich seltsame Dinge über Südosteuropa zu. Piloten konnten ihre Position nicht mehr bestimmen. Schiffen im Mittelmeer ging es ähnlich - plötzlich war das GPS-Signal weg und kehrte erst nach Stunden wieder. Autofahrer hätten das wohl auch gemerkt, allerdings gab es damals noch kaum Navigationsgeräte. Sie waren auch sehr ungenau, das empfangene Satellitensignal wich um bis zu hundert Meter von der tatsächlichen Position ab. Es fiel übrigens nur regional aus. In Deutschland gab es keine Probleme.

Fachleute hatten schnell eine Erklärung parat: Es lag am Kosovokrieg. Im März 1999 begannen die Nato-Luftangriffe auf Serbien. Die Amerikaner schalteten entweder das frei empfangbare GPS-Signal ab, wenn ihre Satelliten eine bestimmte Bahn über Europa erreichten. Oder sie störten das Signal gezielt vom Boden aus. Sie selbst hatten noch ein sicheres militärisches Signal, ihr Gegner aber verlor seine Orientierung.

Damals trafen die Mitglieder der Europäischen Union, fünfzehn an der Zahl, eine bedeutsame Entscheidung: Um nicht mehr von den Vereinigten Staaten abhängig zu sein, wollten sie ihr eigenes Satellitennavigationssystem aufbauen. Im Juni 1999, eine Woche nach dem Ende der Luftangriffe, gingen die Verkehrsminister die ersten Schritte auf diesem Weg. Das System wurde auf den Namen "Galileo" getauft, nach dem großen Physiker und Astronomen der Renaissance. Den Vorsitz der Verkehrsminister führte seinerzeit Franz Müntefering, es war die Zeit der deutschen Ratspräsidentschaft.

Den Europäern war die Tragweite ihrer Entscheidung bewusst. Die Europäische Kommission hatte sie seit Jahren vorbereitet. Die Mitgliedstaaten seien "gegenüber ihrer Öffentlichkeit dazu verpflichtet, sichere Navigationsdienste zu erbringen", legte die Kommission im Februar 1999 dar, wenige Wochen vor den Nato-Schlägen gegen Serbien. Solange Europa die von ihm genutzten Navigationssysteme nicht kontrolliere, ergäben sich "ernste Probleme" für "Souveränität und Sicherheit". Weiter hieß es: "Ein Nichttätigwerden würde der jetzigen Marktbeherrschung durch die USA Vorschub leisten und die völlige Abhängigkeit Europas von den USA in vielen sicherheitsrelevanten Angelegenheiten auch weiterhin unverändert bestehen lassen." Deutliche Worte.

Wenn man das heute liest, reibt man sich die Augen. Es stand damals ja vergleichsweise bestens um die transatlantischen Beziehungen. Im Weißen Haus saß Bill Clinton, ein Präsident, der sein Land wie selbstverständlich als Ordnungsmacht in Europa ansah. Ohne mit der Wimper zu zucken, schickte er Kampfflugzeuge und Soldaten auf den Balkan. Clinton wäre nicht im Traum darauf gekommen, von den Europäern erst mal höhere Militärbeiträge zu verlangen. Niemand hätte es verstanden, wenn ein Bundeskanzler öffentlich über die mangelnde Verlässlichkeit des großen Verbündeten geklagt hätte. Der zeitweilige GPS-Ausfall beschäftigte wirklich nur ein paar Fachleute. Aber er gab den Ausschlag für Galileo, denn die Sorgen, welche die Kommission abstrakt beschrieben hatte, schienen sich ein paar Wochen später zu bestätigen.

Galileo war nach dem Ende des Kalten Krieges ein erster großer Schritt der Europäer hin zu dem, was heute "strategische Autonomie" heißt. Oder, wie Kanzlerin Merkel es im Bierzelt von Trudering formulierte: "Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigene Hand nehmen." Das betrifft im Fall Galileo eine Vielzahl ziviler Anwendungen: von der Verkehrssteuerung bis zum Hochfrequenzhandel, der GPS-Zeitsignale verwendet. Es betrifft auch das Militär, denn Galileo sendet - wie GPS - zusätzlich ein verschlüsseltes Signal. Es lohnt sich deshalb, diesen Fall näher zu betrachten. Man kann daraus einiges lernen für künftige Herausforderungen. Von Amerika unabhängig werden, das sagt sich leicht, ist aber mit viel Zeit, Geld und allerlei Prüfungen verbunden.

Die härteste Prüfung waren die Amerikaner selbst. Sie hatten zwar im Allgemeinen nichts dagegen, wenn Europa mehr für seine Verteidigung tut. Aber bei Galileo sahen sie sofort ihre nationalen Interessen gefährdet. Das Global Positioning System ist seit den siebziger Jahren vom Pentagon aufgebaut worden - für militärische Zwecke. Als die Amerikaner 1991 die irakischen Besatzer aus Kuweit vertrieben, setzten sie GPS zum ersten Mal auf dem Schlachtfeld ein. Sehr erfolgreich, wie sich zeigte. Die amerikanischen Panzer konnten sich in der Wüste jederzeit orientieren. Sie umgingen ihre Gegner und griffen sie von überraschenden Positionen aus an. Außerdem wurden satellitengesteuerte Kurzstreckenraketen verschossen. GPS revolutionierte die Kriegführung, und Amerika hatte ein Monopol bei dieser neuen Technologie.

Schon 1998 trafen sich EU-Beamte mehrmals mit Amerikanern. Sie wollten herausfinden, ob Europa sich an GPS beteiligen könne. "Die haben uns behandelt wie den letzten Dreck", erinnert sich einer der Unterhändler. Die Amerikaner blockten ab - sie wollten ihre Technologie mit niemandem teilen. Eine Zusammenarbeit hielten sie überhaupt nur für möglich, wenn Europa sich zu GPS als globaler Norm bekennen würde. Als die Brüsseler Gesandten anführten, die EU könne auch ihr eigenes System entwickeln, bekamen sie zur Antwort: "Ihr versteht eh nichts davon." Dabei blieb es nicht. Der amerikanische Verteidigungsminister warnte seine Kollegen in den EU-Mitgliedstaaten eindringlich vor einem europäischen System. Amerikanische Diplomaten wirkten gezielt auf einzelne Regierungen ein, vor allem die britische, irische und deutsche. Doch es nutzte nichts.

Nachdem die Verkehrsminister den Weg für Galileo freigemacht hatten, begann ein Ringen um die Funkfrequenzen. Washington wollte unbedingt verhindern, dass Europa sein militärisches Signal im selben Spektrum ausstrahlt wie das militärische GPS-Signal. Denn dann könnten die Vereinigten Staaten in einem Konflikt die Satellitennavigation ihrer Gegner nicht mehr stören, ohne selbst ihr militärisches Signal zu beeinträchtigen. So schrieb es Verteidigungsminister Wolfowitz seinen EU-Kollegen. Im Klartext: Washington beanspruchte die Möglichkeit, Europas verschlüsseltes Signal auszuschalten, obwohl fast alle Mitgliedstaaten auch in der Nato waren. Allerdings erwogen die Europäer damals eine Zusammenarbeit mit Russland und China - das war Amerika ein Dorn im Auge.

Vier Jahre lang wurde über dieses Thema verhandelt. Im Sommer 2004 kamen beide Seiten überein, dass sie ihr ziviles, unverschlüsseltes Signal auf derselben Frequenz ausstrahlen. Die Amerikaner können so in einem Krieg gleichzeitig ihr GPS-Signal und das von Galileo stören. Jedoch werden die militärischen Signale davon nicht beeinträchtigt. Dieser Kompromiss markierte einen Wendepunkt: Amerika erkannte die Europäer bei der Satellitennavigation als Partner an. Seitdem verfolgen beide Seiten das Ziel, zwei Systeme zu schaffen, die einander ergänzen und so wesentlich robuster sind.

Im Jahr 2002 hatte die amerikanische Luftwaffe noch in einer Studie zu Galileo geschrieben, dass die Vereinigten Staaten ihre "Dominanz im Weltraum nicht ohne einen harten Kampf aufgeben werden". Ein paar Jahre später veröffentlichten sie eine weitere Studie unter dem Titel "GPS und Galileo. Befreundete Gegner?" Im Vorwort schrieb der Kommandeur der US Air Force in Europa: "Die Vereinigten Staaten müssen weiterhin mit dem Galileo-Programm zusammenarbeiten, statt damit zu konkurrieren." Amerika nahm seine Partner erst ernst, als es sie nicht mehr stoppen konnte.

Galileo stand aber nicht nur wegen des Widerstands aus Washington vor großen Herausforderungen. Die Finanzierung war schwierig. Zwar bescheinigten Studien Galileo großes wirtschaftliches Potential. Anfang des Jahrtausends setzten sich die ersten Anwendungen für Endverbraucher durch, vor allem auf Mobiltelefonen und in Navigationsgeräten für Autos. Der Markt wuchs schnell. Doch ahnte damals kaum jemand, dass selbst die günstigsten Prognosen bald von der Wirklichkeit überholt würden. Die Finanzminister der großen Mitgliedstaaten stellten sich quer, auch der deutsche. Sie verlangten, dass die Industrie Galileo zum größten Teil selbst finanzieren sollte.

Nur wie? Das amerikanische GPS war kostenlos. Und ab Mai 2000 war das Signal für zivile Nutzer viel genauer: nicht mehr hundert, sondern bloß noch zehn Meter Abweichung. Präsident Clinton ließ die künstliche Verschlechterung abschalten, zum Missfallen seiner Militärs. Es war jedoch auch ein Schachzug gegen Galileo. Die Europäer versprachen daraufhin ein noch genaueres Signal, High-end-Anwender sollten dafür zahlen. Außerdem wollten sie eine Abgabe auf alle Empfangsgeräte erheben. Die Investitionen wurden auf 3,4 Milliarden Euro beziffert, ein Drittel davon sollte die öffentliche Hand tragen.

Die europäische Weltraumindustrie formierte sich, ein nordeuropäisches Konsortium trat gegen ein südeuropäisches an. Allerdings wollten alle Mitgliedstaaten ein Stück vom Kuchen abbekommen. Daraufhin mussten sich die verbliebenen Wettbewerber zusammentun - was jämmerlich scheiterte. Die Unternehmen waren heillos zerstritten, die Kosten für das Satellitenprogramm schossen in die Höhe. Kein Wunder, die Staaten verhandelten ja nun mit einem Anbietermonopol. Der Zeitplan lief völlig aus dem Ruder: Eigentlich sollten die geplanten dreißig Satelliten 2007 im Weltraum sein, tatsächlich war bis dahin kein einziger gebaut worden. Das Programm stand auf der Kippe.

Gerettet wurde es nur, weil die Mitgliedstaaten sich dazu durchrangen, die Kosten vollständig selbst zu tragen - über den EU-Haushalt. Zunächst wurden Mittel aus den Landwirtschaftsfonds umgewidmet. Heute ist Galileo der größte Brocken des Weltraumprogramms. Es handelt sich um die einzige europäische Infrastruktur, die der Kommission gehört und von ihr betrieben wird. Das ist ungewöhnlich genug, war aber anders nicht zu machen. Sämtliche Ertragsmodelle scheiterten angesichts eines GPS-Signals, dessen Kosten das Pentagon trägt und das für die Nutzer gratis ist.

So ist Galileo heute ein öffentliches Gut, das die europäischen Steuerzahler finanzieren. Seit 2007 belaufen sich die Investitionen auf elf Milliarden Euro. Dafür wurden 26 Satelliten in den Orbit befördert, von denen demnächst 18 voll genutzt werden können. Seit anderthalb Jahren können sich Nutzer mit diesen Signalen auf der Erde orten. Die meisten merken das freilich nicht. Moderne Smartphones wie das iPhone 8 enthalten einen Chip, der sowohl GPS als auch Galileo zur Navigation verwendet. Für Android-Betriebssysteme gibt es sogar eine App, mit der man sehen kann, welche Satelliten gerade empfangen werden. Auch die Dienstleistungsbranche profitiert. Sie kann Anwendungen in Zusammenarbeit mit Galileo entwickeln, was bei GPS unmöglich ist. Es gibt dafür sogar einen Ideenwettbewerb. Obendrein wurden Schlüsselkompetenzen für Weltraumtechnik in Europa gehalten.

In den nächsten Jahren sollen noch zwölf weitere Satelliten ins All befördert werden. Dann ist Galileo komplett. Es bietet neben einem noch genaueren Navigationssignal als GPS auch einen Such- und Rettungsdienst. Wer einen Notruf absetzt, kann schon heute binnen zehn Minuten geortet werden, davor dauerte das drei Stunden. Künftig wird der Absender eines Notrufs sogar eine Bestätigung bekommen, dass er geortet wurde und Hilfe unterwegs ist. Intern wird derweil schon an der zweiten Generation von Satelliten gearbeitet. Denn ein solches Programm ist nie abgeschlossen, die erste Generation hat eine Lebensdauer von zwölf Jahren.

Zu den Zukunftsprojekten gehört auch die Nutzung des verschlüsselten Galileo-Signals. Es soll selbst unter widrigsten Umständen zu empfangen sein: für Rettungsdienste, Feuerwehren und das Militär. Dieses Signal wird zwar schon ausgestrahlt, doch sind die Entschlüsselungsgeräte noch so groß wie ein Schrank. Handliche Geräte zu bauen ist eine ziemliche technische Herausforderung. Das dürfte sich bis 2025 hinziehen, heißt es im Bundesverteidigungsministerium. Auch der Brexit spielt da mit hinein. Eigentlich sollte ein britisches Unternehmen die Empfänger bauen. Allerdings gelten dafür strenge Regeln. Sicherheitsrelevante Aufträge dürfen nur an EU-Firmen vergeben werden, die einer besonderen Aufsicht unterliegen. Brüssel hat London deshalb schon klargemacht, dass es nach dem Austritt keine Komponenten für Galileo mehr fertigen darf.

Die Regierung von Theresa May war anfangs außer sich, sie drohte mit einem eigenen Navigationssystem. Darüber konnten die Galileo-Fachleute jedoch nur schmunzeln. Die Kosten lägen nämlich um ein Vielfaches höher als der britische Raumfahrtetat. Die Regierung May ließ auch ausrechnen, wie abhängig das Land von Satellitennavigation ist. Fiele das Signal aus, entstünden dem Königreich eine Milliarde Euro Kosten am Tag. Die EU ist immerhin bereit, mit den Briten über eine weitere Nutzung des verschlüsselten Signals zu verhandeln. Sie sind dann aber nur noch Drittstaat. Galileo ist ein Beispiel dafür, was London mit dem Brexit aufgibt - strategische Autonomie im europäischen Rahmen.


INFO

Das Europäische Satellitennavigationssystem Galileo wird den Menschen in Europa und auf der ganzen Welt eine Vielzahl hilfreicher Navigationsanwendungen ermöglichen. 24 in drei Ebenen angeordnete operative Satelliten plus Reserve-Satelliten sowie ein weltweites Netz an Bodenstationen können Satellitennavigation mit einer bislang nicht erreichten Genauigkeit und Verfügbarkeit bieten. Das System wurde mit einem ersten Dienst am 15. Dezember 2016 in Betrieb genommen.

Weitere Infos finden Sie hier und hier.


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