Ausrüster für den Raumtransport

Warum die Entwicklung und Fertigung von Transportsystemen für Luft- und Raumfahrtunternehmen nicht ohne umfassende Systemkompetenz funktioniert – und Industrie 4.0 immer wichtiger wird

Weltraumbahnhof Kourou, Französisch-Guyana im Jahr 2020. In wenigen Augenblicken startet die Ariane 6. Endlich! Wobei: Es war ein ehrgeiziger Zeitplan. Denn nur fünf Jahre dauerte der Weg von der Entwicklung zur startbereiten Rakete – besser: zum Raumtransporter. Der Jungfernflug der Ariane 6 soll heute beginnen. Wesentliche Elemente wie Tank- und Strukturbauteile stammen von der OHB-Tochter MT Aerospace. Typische Nutzlast der Ariane 6: Galileo-Satelliten von OHB. Für eine Betriebszeit von 30 Jahren sichert der Raumtransporter den europäischen Zugang zum Weltall – und die Galileo-Satelliten die Unabhängigkeit vom US-amerikanischen GPS. Damit ist die Ariane 6 ein äußerst effizienter Raumtransporter, der durchschnittlich einmal im Monat starten soll – und ein weiterer Meilenstein in der Geschichte der Raumtransporte.

Die Geschichte der Raumfahrt ist eine Transportgeschichte

Das 20. Jahrhundert: von der 100-Km-Grenze zur Mondlandung

„Scotty, beam us up!“ – Im Jahr 1966 gibt Captain James T. Kirk von der Enterprise seinem Chefingenieur Montgomery Scott zum ersten Mal im TV diesen Befehl. Zu diesem Zeitpunkt ist Neil Armstrong noch drei Jahre davon entfernt, als erster Mensch in der Realität einen fremden Himmelskörper zu betreten. Dieses historische Ereignis markiert den Peak des „Space Race“, des technologisch-ideologischen Wettrennens ins All. Der erfolgreichen Mondlandung gehen viele Meilensteine voraus:

Als erste Lebewesen überfliegen Fruchtfliegen 1947 die 100-Km-Grenze der Atmosphäre, 1948 passiert der erste Affe diese Grenze. 1957 dann der große Knall im „Space Race“: Nicht nur hat die Sowjetunion mit „Sputnik 1“ den ersten Satelliten im Erdorbit, die Hündin Laika an Bord von Sputnik 2 gilt als erstes Lebewesen in der Erdumlaufbahn. Schließlich kann der russische Kosmonaut Juri Gagarin als erster Mensch die Erde 1961 einmal umrunden und die Schwerelosigkeit im Weltraum erfahren.

Die USA holen den anfänglichen Rückstand schnell auf: Der vielzitierten Forderung des damaligen Präsidenten John F. Kennedy „of landing a man on the moon and returning him safely to the earth“ folgten Taten. Tatsächlich wird 1969 ein Mensch auf den Mond transportiert – unter Verwendung der stärksten bis dahin gebauten Trägerrakete. Die fast 3000 Tonnen schwere „Saturn V“ transportiert drei Menschen und wissenschaftliches Gerät zum Mond. 600 Millionen Menschen verfolgen das Ereignis an den Fernsehgeräten.

Das 21. Jahrhundert: Kooperation statt konkurrierende Supermächte

Ein halbes Jahrhundert nach der Mondlandung ist das Beamen von lebendiger Materie noch immer Fiktion. Das ist jedoch die einzige Konstante: Der Kalte Krieg ist vorbei. Raumfahrtprogramme sind nicht mehr national begrenzt. An die Stelle des Wettbewerbs der Supermächte sind multinationale Kooperationen wie die International Space Station (ISS) getreten. Kosmonauten, Taikonauten und Euronauten fliegen gemeinsam ins All. Zudem geben kommerzielle Initiativen dem Aufbruch zu den Sternen eine neue Dynamik. Dabei liegt der Fokus immer mehr auf dem konkreten Nutzen: Die Experimente und Beobachtungen an Bord der Internationalen Raumstation ISS fließen unmittelbar in die Forschung auf der Erde ein. In Forschungsprogramme, die das Leben auf der Erde besser, bequemer und ungefährlicher machen. Ohne die funktionierende Flotte von Kommunikations-, Wetter- und Navigationssatelliten wäre unser moderner Lebensstil nicht möglich. Doch Satelliten müssen zunächst in ihre Umlaufbahn transportiert werden – in Europa vor allem von Raketen der Ariane-Serie. Raumtransport ist damit nicht mehr nur ein Prestige-Projekt konkurrierender Nationen, sondern ein echter Nutzen für die Menschen auf der Erde.

Der Transport in den Weltraum wird im 21. Jahrhundert zunehmen und alltäglicher werden. Denn wir bringen immer mehr ins All: große Satelliten und kleine CubeSats, Rover, Raumschiffe, Material und Menschen für die Internationale Raumstation ISS und andere Raumprojekte.

Ariane – eine europäische Erfolgsgeschichte

MT Aerospace ist seit Beginn Zulieferer

Raumtransport in Europa hat seit Jahrzehnten vor allem einen Namen: „Ariane“. Es gibt zwar andere europäische Trägerraketen, die Ariane ist jedoch die leistungsstärkste. MT Aerospace ist seit den Anfängen der Baureihe im Jahre 1979 dabei. Heute gehört MT Aerospace zur OHB SE. Damit ist der OHB-Anteil am Ariane-Programm gewachsen: Die Ariane 5 befördert seit 2011 auch Galileo-Satelliten in den Orbit, die wiederum von der OHB System AG gefertigt werden.

OHB ist somit sowohl am Transporter selbst, als auch an einer der typischen Nutzlasten beteiligt.

Die Ariane-Trägerrakete wurde im Kalten Krieg entwickelt. Das Ziel: Raumtransporte unabhängig von den USA und der Sowjetunion durchführen zu können. Dabei erreichte das Ariane-Programm seit dem Erstflug 1979 bis Ende 2017 eine Zuverlässigkeit von 90 Prozent. OHB ist mit einem Anteil von rund 10 Prozent an den Komponenten der größte deutsche Zulieferer. Das umfasst Boostergehäuse und Tankdome für die Zentral- und Oberstufe des Raumtransporters. Die Variante „Ariane 5 ES ATV“ transportiert das 19 Tonnen schwere ESA-Raumschiff ATV-4 in den Weltraum, das die ISS versorgt.

Ariane 6: Ein europäischer Ersatz für die Sojus-Rakete

Die Ariane 6 soll 2020 erstmals für einen sogenannten Qualifikationsflug starten. In Bremen werden die Oberstufentanks der Ariane 6 von Mitarbeitern der OHB-Tochter MT Aerospace geschweißt – unter anderem in einem neuen Industrie-4.0-Fertigungsverfahren. Ein Anspruch für die Ariane 6 ist eine enorme Reduzierung der Startkosten pro Mission. Der Raumtransporter soll 40 Prozent günstiger als sein Vorgänger sein und ist modular: Er kann mit zwei oder vier Boostern ausgestattet werden – und damit mehr oder weniger Nutzlast transportieren.

Die Ariane 6 kann somit unterschiedliche kommerzielle und institutionelle Anforderungen erfüllen.

Ein weiterer Aspekt, warum die Ariane 6 ein Vorzeigemodell für das New-Space-Denken ist: Noch nie zuvor hat eine Weltraumgentur wie die ESA soviel Verantwortung – und auch Risiko – auf private Unternehmen übertragen. OHB hat nicht nur die Entwicklungs- und Definitionsverantwortung für alle metallischen Strukturen der Rakete, sondern ist auch ein sogenannter Risk-Sharing-Partner – also verantwortlich für die Konsequenzen von Risiken, die entstehen können. Das bedeutet: OHB übernimmt mehr Verantwortung als je zuvor für die gelieferten Teile. Die Startmasse des Transporters liegt entweder bei 500 Tonnen oder 900 Tonnen. Das entspricht einer Nutzlast von entweder 5,5 oder 11 Tonnen. Geplant sind ab 2023 durchschnittlich 12 Starts pro Jahr. Ein weiterer entscheidender Punkt sichert die Unabhängigkeit Europas in der Raumfahrt: Der Startplatz am ESA-Raumhafen in Kourou wird ab 2020 für die Ariane 6 zur Verfügung stehen. Damit verdrängt sie die russische Sojus-Rakete.

„Die Ariane 6 ist günstiger, sie ersetzt die Sojus-Rakete, kann flexibel eingesetzt werden und besitzt die Fähigkeit, wiedergezündet zu werden.“

Hans Steininger, Luftfahrtingenieur, Vorstandsvorsitzender der MT Aerospace AG

 

Das erweitert Europas Unabhängigkeit und Möglichkeiten in der Raumfahrt: Von einem Weltraumbahnhof der Europäischen Weltraumorganisation startet ein europäischer Raumtransporter mit europäischen Navigationssatelliten. An allen drei Elementen ist OHB, unter anderem mit der Tochter OHB System AG, beteiligt – übrigens auch am Betrieb der Startrampen selbst durch die MT Aerospace Guyane.

Das „Space Launch System“ und Raumschiff „Orion“

Auch für die bemannten Raumfahrt ist OHB ein Zulieferer. MT Aerospace wurde mit Arbeiten für die Aluminiumsegmente der Treibstofftanks und für die Oberstufen-Domkomponenten des Space Launch Systems (SLS) beauftragt. Das SLS wird der bisher leistungsfähigste Raumtransporter der NASA. Die Aufgabe dieser Rakete werden bemannte und unbemannte Missionen sein, auch zum Mond und Mars. Mit 130 Tonnen Nutzlast soll das SLS ein weiteres Projekt mit OHB-Beteiligung in den Weltraum befördern: Das Raumschiff Orion. Hier war OHB Sweden mit Montage, Integration und Testarbeiten am Antriebsqualifikationsmodell des Raumschiffes beauftragt. OHB Sweden hat die Arbeiten im ersten Quartal 2017 erfolgreich beendet. Im August 2023 ist ein erster bemannter Flug des Raumschiffs Orion geplant. Das Raumschiff wird mit dem SLS in den Weltraum transportiert und soll vier Besatzungsmitglieder transportieren. Das Missionsziel ist eine Mondumlaufbahn für 8–21 Tage. Auch hier ist OHB an einem Projekt beteiligt, dass die Raumfahrt noch Jahrzehnte prägen wird.

Energie! Wie Raumtransporter der Gravitation entkommen

Das Rückstoßprinzip als Grundlage

Der erfolgreiche Start einer Feuerwerksrakete kann beim Starter ein Gefühl von Macht erzeugen, während Umstehende ihr Staunen oft mit „AH!“s und „OH!“s begleiten. Schon der Aufbau einer Feuerwerksrakete besteht aus den wesentlichen Teilen, die auch bei „den Großen“ vorzufinden sind: Startplattform (leere Flasche), Rakete mit Treibstoff und Lagestabilisierung (Schwarzpulver und Holzstöckchen) sowie Nutzlast (Effektladung). Allerdings ist der Start einer Trägerrakete von einem Weltraumbahnhof ungleich komplexer und beeindruckender.

x2rAcFFBhfo"youtube"Ein Video vom Start einer Ariane 5. Nutzlast sind Galileo-Satelliten. Wir empfehlen: Fullscreen für maximalen Eindruck! Wir warten solange.

Die akustische Energie eines solchen Starts lässt den Boden noch in mehreren Kilometern Entfernung beben.

Diese Raketenstarts sind lauter als 140 Dezibel – deutlich mehr als die lautesten Rockkonzerte. Eine Ariane 5 hat eine Strahlleistung von 30 Millionen PS. Das Sprichwort „it’s not rocket science“ für unkomplizierte Vorgänge ist längst Alltagssprache. Dabei ist das Prinzip einer Rakete einfach: Das möglichst schnelle Ausstoßen der sogenannten Stützmasse an einem Ende erzeugt Antriebskraft („Schub“) in die entgegengesetzte Richtung. Aufgrund dieses Rückstoßprinzips funktionieren Raketen sowohl in der Erdatmosphäre als auch im Vakuum des Weltalls. Bei der Verbrennung des Treibstoffs entsteht ein sehr energiereiches Abgas, das mit hohem Druck durch eine oder mehrere Düsen austritt und so Schub erzeugt.

Eine „Ariane 5ES ATV“ kann mit diesem simplen Rückstoßprinzip 21 Tonnen Nutzlastgewicht in eine niedrige Erdumlaufbahn transportieren. Die „Falcon Heavy“ des Unternehmens SpaceX schafft sogar über 60 Tonnen. Der bisherige Rekord liegt aber bei der NASA: Die „Saturn V“ konnte über 133 Tonnen Nutzlast in den Weltraum schieben. Prominentestes Beispiel war das Raumschiff „Apollo 11“ auf seiner Reise zum Mond.

Viel heiße Luft – Rolle des Treibstoffes bei Raumtransportern

Nach dem Abheben von der Startplattform nehmen Beschleunigung und Geschwindigkeit immer mehr zu. Das liegt am Verbrennen des Treibstoffs – in doppelter Hinsicht. Die Rakete verbraucht in der Startphase mehrere Tonnen Treibstoff pro Sekunde. Das Gewicht der Rakete sinkt damit kontinuierlich und die im wesentlichen gleichbleibende Schubkraft muss immer weniger Masse beschleunigen. Eine Rakete wird daher auf ihrer Reise ins All immer schneller, weil der Schub bei abnehmender Masse gleich bleibt. Am Ende beschleunigt die gleiche Schubkraft eine fast leere und damit deutlich leichtere Rakete als direkt nach dem Start.

Dabei trifft die Rakete allerdings auf ein Hindernis: Luft. Die Reibung mit den Molekülen der Erdatmosphäre bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit erhitzt die vorderen Bauteile enorm. Am anderen Ende der Rakete sorgt verbrannter Treibstoff für mehrere tausend Grad. Daher müssen Materialien im Raketenbau extrem belastbar sein. Sie müssen nicht nur Hitze auszuhalten. Bei flüssigem Treibstoff handelt es sich meist um extrem heruntergekühlte Stoffe, sogenannte „kryogene Gase“. Die kryogenen Tanksysteme von OHB müssen hierbei sowohl die Isolierung der bis zu -253° C kalten Flüssigkeiten als auch die Druckbeständigkeit leisten.

Beim Bau von Raumtransportern ist deswegen Systemkompetenz unverzichtbar: Komponenten müssen getestet, Bedingungen simuliert und Fehlerquellen bedacht werden. Es kommt auf ganzheitliches Denken an – im gesamten Prozess. Das bedeutet auch, Dynamiken zu bedenken, die nicht zum Fachbereich des jeweiligen Ingenieurs gehören. Er muss fachfremde Probleme nicht lösen können – sie sollten aber stets bewusst sein. Ein Beispiel: Das Material der Ariane 5 ist so dünn, dass sie unter ihrem eigenen Gewicht zusammenbrechen würde, wenn die Rakete ohne Tankbefüllung aufgestellt würde. Die Hauptstufe des Transporters wird erst durch die Tankbefüllung stabil. Das erlaubt eine sehr dünne Bauweise. Der Treibstoff erfüllt also eine Funktion, für die er nicht gemacht ist: eine statische. Auf diese Idee kann ein Ingenieur aber nur kommen, wenn er ein „Systemdenker“ ist.

Pionier der Raumfahrt werden: Karriere bei OHB machen.

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Onkel Phaeton und seine Nichte – beliebte Namensgeber

In der griechischen Mythologie lenkt Helios, der Sonnengott, seinen Raumtransporter – den Sonnenwagen – über den Himmel. Sein Sohn Phaeton erlangte traurige Berühmtheit: Er hatte einen Unfall mit dem geliehenen Wagen seines Vaters. Trotz dieses großen Missgeschicks tragen etliche technologische Innovationen seinen Namen. Auch Phaetons Nichte bekleidete eine Funktion im Pantheon: Sie ist die Fruchtbarkeitsgöttin „Ariadne“ (griechisch für: „Ariane“).

Wo beginnt der Weltraum?

Die Beantwortung dieser Frage fällt von Himmelskörper zu Himmelskörper anders aus. Die Grenze wird anhand des Übergangs der jeweiligen Atmosphäre zum Hochvakuum des Weltraums gezogen. Hat ein Himmelskörper keine Atmosphäre, beginnt der Weltraum direkt auf seiner Oberfläche. Die für die Erde allgemein anerkannte Definition beschreibt den Beginn des Weltraums in 100 Kilometern Höhe (Kármán-Linie). Fliegt ein Objekt höher als 100 Kilometer, hat es damit offiziell die Grenze zum Weltraum überschritten. Der Grund: Hier wird die Luft derart dünn, dass Objekte nicht mehr durch Geschwindigkeit, sondern durch die Zentrifugalkraft der Erde „in der Luft“ – im Orbit – gehalten werden.

Brauchen es Raketen warm beim Start?

Die Verteilung von Weltraumbahnhöfen auf der Erde ist auffällig: Viele dieser Bahnhöfe sind in südlichen Gefilden angelegt. Warum startet die europäische ESA ihre milliardenschweren Projekte in Südamerika? Warum nutzt die italienische Raumfahrtbehörde ASI einen Bahnhof in Kenia? Der Grund sind zwei wichtige Standortfaktoren: Erstens ist das Drehmoment der Erde am Äquator am stärksten. Raketen nehmen dieses Drehmoment mit, sie starten ostwärts, mit der Erdrotation „im Rücken“. Je näher ein Startplatz am Äquator ist, desto mehr Treibstoff kann gespart werden. Die Nähe zum Äquator bei Kourou bietet einen zusätzlichen Schub von 460 Metern pro Sekunde. Zweitens brauchen Raketen einen Startplatz, der dünn besiedelt ist. Im günstigsten Fall gibt es mehrere hundert Kilometer östlich vom Startplatz keine besiedelten Gebiete. Denn: Selbst bei einem ordnungsgemäßen Start verlieren Raketen auf ihrem Weg Komponenten, die dann auf die Erde fallen.

Das Material der Zukunft für den Raumtransport

Für eine Feuerwerksrakete reicht Papier und Holz. Die Anforderungen an die Eigenschaften des Materials einer Trägerrakete, etwa der Ariane 5, sind höher. Im 20. Jahrhundert wurden neben Edelstahl vor allem Aluminiumlegierungen und Titan verbaut. In den letzten Jahren kamen kohlenstofffaserverstärkte Kunststoffe (CFK), Lithium und Keramiken dazu. MT Aerospace hat das neue Material für die Ariane 5 bereits zu Demonstrationszwecken genutzt – die fertigen, ausgelieferten Booster waren aber noch aus Stahl. MT Aerospace entwickelt, baut und liefert unter anderem die Booster-Gehäuse der Ariane 6 aus CFK. Für Komponenten, die besonders leicht oder extrem temperaturbeständig (oder beides) sein müssen, kommen die als „Keraman“ patentierten „Faser-Keramik-Verbundwerkstoffe“ zum Einsatz.

„Der erfolgreiche Test der neuartigen CFK-Booster ist ein wichtiger Meilenstein für die Entwicklung der Ariane 6 Trägerrakete.“

Franz Josef Pschierer, Wirtschafts- und Technologiestaatssekretär, Freistaat Bayern

 

Bei der Konstruktion einer Rakete muss zwischen vielen Parametern vermittelt werden. Zum einen sollen die Komponenten so leicht wie möglich sein. Solange wir keine Raketen im Weltraum zusammenbauen und starten können, müssen Raumtransporte mühsam durch die Atmosphäre gebracht werden. Je weniger die Rakete ohne Treibstoff und Nutzlast wiegt, desto schwerer darf damit die Fracht, also etwa ein (Wetter-)Satellit, sein. Von allen beteiligten Mitarbeitern wird deswegen Systemdenken erwartet: Materialen müssen zusammenspielen, unter den härtesten Bedingungen und in jedem Fall. Das Denken in Einzelteilen oder isolierten Gewerken ist nicht zielführend.

Eine der absoluten Kernaufgaben für Pioniere der Raumfahrt ist: Gewichtsreduzierung.

 

Zum anderen müssen die Transporter so stabil sein, dass sie die unglaubliche Belastung des Starts widerstehen. Die Struktur der Rakete muss das enorme Gewicht in allen Phasen der Mission halten. Die Rakete drückt sich bei mehrfacher Schallgeschwindigkeit gegen den enormen Widerstand der Atmosphäre. Zünden beim Start die Triebwerke, wirken von der ersten Sekunde an massive Beschleunigungskräfte auf das Material. Viele Raketen sind während des Starts explodiert, weil ein Teil der Struktur nachgab. Auch hier ist das verwendete Material ausschlaggebend.

Auf den Zehntelmillimeter genau – modernste Fertigung bei OHB

Material auf mikroskopischer Ebene bearbeiten

Um ein Gefühl für die erforderliche Präzision beim Bau von Raumtransportsystemen zu bekommen: Wenn eine Taube auf dem Dach eines 20-stöckigen Hochhauses eine Hinterlassenschaft abgibt, würde niemand sagen, dass die Struktur des Hauses in Gefahr ist. Dennoch: Der Höhenunterschied, den die Hinterlassenschaft der Taube auf dem Gebäude verursacht, übersteigt die maximal erlaubte Toleranz im Bau von Raumtransportern um mehr als den Faktor 20. Die Tanksysteme für Satelliten der Eurostar- und Alphabus-Plattformen sowie Flugzeugwassertanks für Boeing und Airbus unterliegen übrigens denselben hohen Anforderungen. Eine Trägerrakete besteht aus tausenden Komponenten in den verschiedensten Größen und Funktionen.

Inzwischen ist es möglich, viele dieser Komponenten mit dem sogenannten Near-Net-Shape-Verfahren herzustellen – etwa die Thermoschutz-Subsysteme. Die dabei eingesetzten Prozesse laufen in sehr wenigen Schritten ab. Das hergestellte Bauteil muss nur sehr wenig nachbearbeitet werden. Das ist wichtig, denn je weniger Arbeitsschritte nötig sind, desto geringer ist das Risiko, im Bereich von Zehntelmillimetern Schäden zu verursachen. Das Near-Net-Shape-Verfahren fertigt ein Bauteil möglichst so, dass es direkt „perfekt“ ist, ohne Zwischenschritte.

MES und FSW – wie OHB die Raumtransporter der Zukunft fertigt

OHB und seine Tochterunternehmen arbeiten in einer hochmodernen Arbeitsumgebung und mit den Möglichkeiten von „Industrie 4.0“. Das bedeutet: Eine untrennbar enge Verbindung von Produktionsanlagen mit IT- und Kommunikationssystemen. Das geht über die bloße Steuerung von Maschinen mit einem Computer hinaus. Der Vorgang der Produktion wird komplett vernetzt, Berichte automatisch erstellt, Algorithmen sorgen für die intelligente Verknüpfung von Daten am richtigen Ort. Ein Teil dieser neuen Infrastruktur bei MT Aerospace ist das „Manufacturing Execution System“ (MES). Dieses System bildet die komplette Fertigung des Produktes digital ab. Die Digitalisierung von industriellen Prozessen ermöglicht einen schnelleren Zugriff auf Daten und Statistiken.

Der Sprung in das Industrie 4.0-Zeitalter verdreifacht die Produktivität von Raumtransportern in vielen Bereichen.

Hans Steininger, Vorstandsvorsitzender der MT Aerospace AG

Die teuersten Bahnhöfe der Welt: mehr als Hightech-Gerüste

Raumtransporter sollen die angestrebte Umlaufbahn möglichst genau erreichen. Etwaiges nachjustieren und korrigieren soll vermieden werden. Am Tag des Starts bestimmen deshalb die Systeme der Startanlage am Weltraumbahnhof den Erfolg der Mission. Der Bahnhof für die Ariane-Serie ist in Französisch-Guyana. Während die Ariane 5 auf der Startrampe ELA-3 startet, wird für Ariane 6 bereits eine neue Startrampe konzipiert. Die großen mechanischen Arme der Startrampe sind essentiell. Sie helfen dem Raumtransporter in die Luft: Er wird exakt fixiert und bis kurz vor der Zündung versorgt.

„Die mechanischen Systeme der ELA-4 machen einen bedeutenden Teil der gesamten Bodeninfrastruktur für die Ariane 6 aus.“

Hans Steininger, Vorstandsvorsitzender der MT Aerospace AG

 

Bei diesen Bodenstrukturen leisten MT Aerospace Guyane S.A.S. und MT Mechantronics GmbH, Tochterfirmen der MT Aerospace AG, die Planung, Lieferung und Inbetriebnahme der mechanischen Systeme. Das soll auch bei der Ariane 6 wieder der Fall sein.

„In Kourou wird sich einiges verändern. Das hat damit zu tun, dass mit dem Übergang [...] zur Ariane 6 die Anzahl der Dienstleister auf weniger als ein halbes Dutzend sinken wird. Unser Ziel als MT Aerospace ist es natürlich, einer dieser Akteure zu sein.“

Hans Steininger, Vorstandsvorsitzender der MT Aerospace AG