„Ariane 6 ist der Sprung in die Industrie 4.0-Dimension“

Interview mit Marco R. Fuchs und Hans Steininger

MARCO FUCHS, VORSTANDSVORSITZENDER DER OHB SE, UND HANS STEININGER, VORSTANDSVORSITZENDER DER MT AEROSPACE AG, haben sich für das Interview zum Thema Bedeutung der Ariane 6 im OHB-Konzern in der Halle von MT Aerospace in der Nähe des Bremer Flughafens verabredet. In der 4.000 Quadratmeter großen Halle in direkter Nachbarschaft zum Standort der ArianeGroup in Bremen werden die Oberstufentanks für die neue europäische Trägerrakete Ariane 6 gefertigt und getestet – und anschließend zur Endmontage in die Halle der ArianeGroup transportiert.

Das Ariane-Programm ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Produktportfolios.

Marco Fuchs, Vorsitzender des Vorstands der OHB SE

Welche Bedeutung hat das Programm Ariane 6 für die MT Aerospace AG?

HANS STEININGER: Für uns, also MT Aerospace in Augsburg, ist die Ariane 6 die Garantie für die Sicherung des Standorts für die nächsten zehn bis 20 oder sogar mehr Jahre. Es ist das Nachfolgeprodukt der Ariane 5, die dann in 2022 nach 26 Jahren ihren Dienst einstellt. Für Ariane 6 plant man heute eine ähnliche Lebensdauer, das heißt, wir sprechen über eine aktive Produktion bis mindestens 2040 und gegebenenfalls darüber hinaus.

Was genau bedeutet das strategisch für die Perspektive des OHB-Konzerns insgesamt?

MARCO FUCHS: Das Ariane-Programm ist ein wesentlicher Bestandteil unseres Produktportfolios. Seit wir MT Aerospace 2005 übernommen haben, haben wir eine gute Entwicklung des gesamten Ariane-5-Geschäfts erlebt. Und jetzt haben wir die Herausforderung, den Wechsel von Ariane 5 zu Ariane 6 zu gestalten. Wir sind mit unseren Anteilen an dem Projekt sehr zufrieden. Jetzt geht es darum, die konkrete Umsetzung anzugehen.

In den Übergang wurde viel investiert. Neue Hallen, neue Maschinen und neue Fertigungstechniken wurden eingeführt. Was waren dabei die größten Herausforderungen?

STEININGER: Die größte Herausforderung war und ist, die Entwicklung der neuen Ariane 6 mit einem knappen Budget und in einem engen Zeitplan erfolgreich umzusetzen. Dafür ist es sehr wichtig, ein Team mit den richtigen Kompetenzen für die neue Entwicklung und Produktion aufzubauen. Außerdem mussten wir viel in die Infrastruktur, in Gebäude, Maschinen und natürlich in die Qualifizierung unserer Mitarbeiter investieren. Insgesamt sprechen wir hier über ein primär über die ESA finanziertes Volumen von mehr als 200 Millionen Euro für die Entwicklung und die Produktion der neuen Tanks und Strukturen für die Ariane 6.

Hat diese Investition den Sprung in die sogenannte „Industrie 4.0“-Dimension in der Produktion ermöglicht?

STEININGER: Mit dem Übergang zur Fertigung der Ariane 6 werden zunächst alle Entwicklungsund Produktionsschritte vernetzt. Es werden digitale Plattformen gebildet, auf denen die Mitarbeiter im sogenannten „Teamcenter“ arbeiten – und zwar vom ersten Gedanken bis zur Zeichnung für die Produktion. Der zweite Schritt ist das sogenannte MES, das Manufacturing Execution System, in dem die komplette Fertigung digital abgebildet werden wird. Damit verbunden ist ein völliger Wandel in der Denkweise der Fertigung. Die Ariane 5 ist in den 80er- und 90er-Jahren entwickelt worden, mit den damaligen Instrumenten und damals üblichen Vorgangsweisen. Jetzt findet durch die Integration der verschiedenen Systeme ein regelrechter Quantensprung in der Entwicklung und in der Produktion statt. Es ist tatsächlich ein Technologiesprung in der Größenordnung von 20 Jahren und mehr.

Was bedeutet das?

STEININGER: Durch den Einsatz dieser hochdigitalisierten Entwicklungs- und Fertigungsprozesse müssen wir deutlich weniger Ressourcen aufwenden. Das erhöht unsere Effizienz und ermöglicht uns ein höheres Arbeitsvolumen mit ungefähr der gleichen Kapazität abzuarbeiten. Denn wir fertigen auch deutlich mehr: Heute bauen wir ca. 30 Tankdome pro Jahr für die Ariane 5, künftig werden es ca. 90 sein. Unser Anspruch ist es, diese 90 Dome mit der heutigen Anzahl von Mitarbeitern zu fertigen. Vereinfacht gesagt: Wir verdreifachen durch den Sprung in das Industrie 4.0-Zeitalter unsere Produktivität. Es gibt andere Produktgruppen, bei denen es ähnliche Stückzahlsteigerungen gibt und bei denen wir die Fertigung mit derselben Anzahl von Mitarbeitern bewältigen müssen. Dafür sind neben neuen Prozessen besonders auch gutes Training und die Weiterbildung dieser Mitarbeiter wichtig.

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Sie sprachen von neuen Maschinen, die Sie in Augsburg installiert haben. Dabei ist eine absolute Weltneuheit darunter. Was hat es damit auf sich?

STEININGER: Sie meinen die große FSW-Anlage. FSW steht für Friction Stir Welding, auf Deutsch Rührreibschweißen. Die Maschine ist einzigartig auf der Welt und wurde Anfang des Jahres 2018 installiert. Bislang dauerte der Schweißvorgang rund zehn Minuten, aber die Vorbereitung dafür mehr als drei Stunden. Mit der neuen Maschine wird die Vorbereitungszeit erheblich verkürzt. Darin liegt der technologische Fortschritt. Dazu kommt, dass mit diesem Verfahren ganz neue Möglichkeiten der Steuerung der Prozessparameter und der Überwachung der Prozesse durch Echtzeitdaten verbunden sind. Der Vorgang muss dokumentiert werden, die Teile müssen per Ultraschall überprüft werden. Das passiert alles auf dieser Maschine. Wenn die Teile die Maschine verlassen, sind sie fertig bearbeitet und geprüft. Bislang wurde das geschweißte Produkt durch die ganze Fabrik gefahren, um gewogen, geröntgt und geprüft zu werden. Ein sehr zeitaufwendiger Prozess. All das ersparen wir uns jetzt.

Alles kann zukünftig im Schnitt 40 bis 50 Prozent günstiger realisiert werden.

Hans Steininger, MT Aerospace AG

Also spielt die Digitalisierung in der Produktion zukünftig eine immer größere Rolle?

STEININGER: Korrekt. Es wird dabei eine Unmenge an Daten generiert. Das Ziel ist es, auf Knopfdruck die notwendigen Dokumente und Bauakten zu erstellen. Die Daten werden mittels Algorithmen durch die Maschine intelligent zusammengeführt. Die wochenlange Handarbeit wird damit für alle Zeit abgelöst. Zum Produkt entsteht ein Digitaler Zwilling. Alles, was wir heute machen, kann zukünftig im Schnitt 40 bis 50 Prozent schneller und somit günstiger realisiert werden als zuvor, um dem Wettbewerb auf dem Weltmarkt gerecht zu werden.

Kurz ein Blick nach Bremen, wo die MT Aerospace in der Nähe des Flughafens einen Produktionsstandort besitzt. Dort werden die Oberstufentanks der Ariane 6 zusammengeschweißt. Weshalb wurde der Entschluss gefasst, diesen Prozess in einer neuen Halle in Bremen durchzuführen?

FUCHS: Das hatte mit der Entscheidung zu tun, die Endmontage der Oberstufentanks möglichst in der Nähe des Orts zu machen, wo der Tank dann zur kompletten Oberstufe der Rakete integriert wird. Den Oberstufentank aus Augsburg nach Bremen zu transportieren hätte eine sehr aufwendige Logistik erfordert. Es war einfacher, die einzelnen Teile nach Bremen zu bringen und die Integration des Tanks in der MT-Halle zu machen. Der fertige Tank muss dann nur noch zu einer Halle der ArianeGroup nach nebenan gebracht werden.

MT Aerospace ist seit fast 13 Jahren Teil des OHB-Konzerns. Welche Gründe waren damals entscheidend, die zur Zusammenarbeit geführt haben?

STEININGER: Das war eine rein unternehmerische und strategische Entscheidung, in den Launcher-Bereich zu gehen. Wir haben als Unternehmer beide fest daran geglaubt, dass der unabhängige europäische Zugang zum Weltraum erhalten und weitergeführt wird. Wir haben beide Recht behalten. Wir haben den Umsatz in den vergangenen zwölf Jahren mehr als verdoppelt. Das Ziel ist natürlich, das weiterhin auszubauen. Wir haben es geschafft, die MT als unverzichtbaren Teil der europäischen Trägerindustrie zu etablieren. Deshalb haben wir auch bei der Ariane 6 die Aufträge für relevante Bauteile erhalten.

Es war einfacher, die einzelnen Teile nach Bremen zu bringen.

Marco Fuchs, Vorsitzender des Vorstands der OHB SE

Die Launcher-Industrie in Europa ist sehr politisch. Wovon hängt der Erfolg in diesem Geschäftsfeld letztlich ab?

FUCHS: Der Zugang zum Weltraum ist eine ökonomische Aktivität, aber natürlich auch eine politisch gewollte Notwendigkeit. Überall auf der Welt gibt es politische Erwägungen, warum ein Land in der Raumfahrt engagiert ist. Das Ariane-Programm ist zunächst auch eine strategische Entscheidung verschiedener Staaten – insbesondere natürlich Frankreichs – gewesen, einen unabhängigen Zugang zum Weltraum für Europa zu erlangen. Arianespace hat es geschafft, daneben ein sehr erfolgreiches kommerzielles Geschäft aufzubauen mit dem Start von Telekommunikationssatelliten. Das war eine hervorragende Leistung. Die Quote von 80 Prozent privatwirtschaftlichen Aufträgen gegenüber staatlichen ist enorm hoch. Es gibt in Europa derzeit deutlich weniger staatliche Missionen als in anderen Raumfahrtnationen.

OHB-Mitarbeiter arbeiten auch am Raketen-Startplatz in Kourou...

STEININGER: Dort arbeiten für uns rund 65 Mitarbeiter der MT Aerospace Guyane, die seit 20 Jahren die Infrastruktur betreiben und warten. Dort wird sich aber auch einiges verändern. Das hat damit zu tun, dass mit dem Übergang von der Ariane 5 zur Ariane 6 die Anzahl der Dienstleister von derzeit mehr als 30 auf weniger als ein halbes Dutzend sinken wird. Dadurch sollen die Komplexität und so letztlich Kosten gesenkt werden. Unser Ziel als MT Aerospace ist es natürlich, einer dieser Handvoll verbleibender Akteure zu sein – und damit auch unseren Anteil an den Dienstleistungen vor Ort weiter auszubauen. Das wird getrieben durch unsere Kompetenz und durch Wettbewerbsfähigkeit.

Was kann eigentlich die Ariane 6, was die Ariane 5 nicht kann?

STEININGER: Die Ariane 6 ist ca. 40 Prozent günstiger. Und sie ist wiederzündbar. So ist die Ariane 62 ausgelegt für Starts von Einzelsatelliten mit sechs Tonnen Nutzlast und die Ariane 64 für große geostationäre Missionen mit einer Nutzlast von bis zu zwölf Tonnen, zum Beispiel für zwei Satelliten. Dadurch ergibt sich eine höhere Flexibilität und damit schnellere Bereitstellung von Launchmöglichkeiten. Die Ariane 62 ersetzt zudem auch die vom Startplatz Kourou aus startende russische Rakete Sojus. Diese Punkte sind entscheidend: sie ist günstiger, sie ersetzt die Sojus-Rakete, kann flexibel eingesetzt werden und besitzt die Fähigkeit, wiedergezündet zu werden.

Dieses Interview finden Sie auch im Geschäftsbericht 2017 der OHB SE